Evangelische Theologie in Österreich: Wofür sie steht und kämpft

Foto: Universität Wien / E. Foltinowsky
Podcast vom 22. Oktober 2026 | Transkript gekürzt | Gestaltung: Henning Klingen*
"Der eigentliche Gegenstand der Theologie ist der der Sünde schuldige Mensch und der rechtfertigende Gott und Heiland dieses Sünders. Was außer diesem Gegenstand in der Theorie gesucht und verhandelt wird, ist Irrtum und Gift."
Das sagte vor fast 500 Jahren Martin Luther. Im Kern prägen seine Aussagen über den sündigen Menschen und den rechtfertigenden Gott bis heute zentrale Grundprinzipien protestantischer Theologie: Sola Scriptura, Sola Gratia, Sola Fide, Solus Christus.
Keine Sorge, das wird kein Grundkurs des Protestantismus. Dazu bin ich weder berufen, noch soll es heute bei Diesseits von Eden um Luther gehen. Wohl aber um die protestantische Theologie, speziell jene in Österreich beziehungsweise in Wien. Ich sitze heute im Büro von Markus Öhler. Er ist Neutestamentler an der Evangelisch-Theologischen Fakultät und ihr neuer Dekan. Es ist die einzige evangelisch-theologische Fakultät Österreichs. An seiner Seite sitzt seine Vorgängerin, die Kirchenhistorikerin Uta Heil. Aufmerksame Diesseits-Hörerinnen und Hörer kennen sie bereits aus mehreren Folgen.
Bevor wir darüber sprechen, was evangelische Theologie heute ausmacht und worin sie sich möglicherweise von lutherischen oder reformierten Traditionen unterscheidet, eine Frage an Markus Öhler: Neue Aufgabe, neuer Wirkungsbereich, zugleich ein Start mit einem Berg an Sorgen. Heute, wir zeichnen am 22. Oktober auf, findet in Wien eine Großdemonstration gegen die beschlossenen Kürzungen des Universitätsbudgets statt. Wird sich die Evangelisch-Theologische Fakultät daran beteiligen? Und lässt sich bereits abschätzen, welche Folgen die Einsparungen für die Fakultät haben werden?
Öhler: Natürlich wird sich die Evangelisch-Theologische Fakultät an der Demonstration beteiligen, mit eigenen Schildern, die wir bereits bei der letzten Kundgebung mitgeführt haben. Ich denke, dass sich keine Einrichtung innerhalb der Universität Wien oder der österreichischen Universitätslandschaft insgesamt dem entziehen kann oder will. Aufgrund ihrer besonderen Stellung als einzige evangelisch-theologische Fakultät Österreichs trägt unsere Fakultät dabei eine besondere Verantwortung. Wir wollen damit auch die Bedeutung evangelischer Theologie sichtbar machen. Daher ist es mir wichtig, dass wir präsent sind und wahrgenommen werden. Meine Vorgängerin Uta Heil hat bei der ersten Demonstration ein besonders schönes Schild mit einer Eule gestaltet. Vielleicht entdeckt man es ja in der Berichterstattung.
Ich sehe es gerade vor mir: Wie soll eine gerupfte Eule fliegen? Frau Heil, Sie waren während Ihres Dekanats ebenfalls immer wieder mit Sparmaßnahmen konfrontiert. Welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht? Und welchen Rat würden Sie Ihrem Nachfolger mitgeben?
Heil: Wichtig ist, dass wir Präsenz zeigen und gemeinsam protestieren. Das haben wir bereits im Mai mit einer großen Gruppe getan. Uns geht es darum deutlich zu machen, dass evangelische Theologie als Wissenschaft unverzichtbar ist: als Gegenüber zur Kirche und in konstruktiver Auseinandersetzung mit ihr. Wir brauchen eine evangelische Fakultät an der Universität. Bei Sparmaßnahmen geraten oft zuerst kleine Fächer unter Druck, und dazu gehören wir. Deshalb setzen wir heute ein Zeichen und zeigen zugleich Solidarität mit anderen Disziplinen. Die politischen Verhandlungen wirken zwar weitgehend festgefahren, aber die Demonstration ist ein wichtiges öffentliches Signal.
Anders als in den Natur- oder Medizinwissenschaften gibt es in der Theologie kaum große Materialkosten. Einsparungen betreffen daher meist das Personal. Gibt es bereits Überlegungen, Stellen nicht nachzubesetzen?
Öhler: Davon gehen wir derzeit nicht aus. Die offenen Professuren benötigen wir dringend. Natürlich wird es Vorgaben des Rektorats geben, Einsparungen vorzunehmen. Wir werden sehen, welche Lösungen dafür möglich sind. Entscheidend ist, dass die Professuren besetzt bleiben, sowohl für die Forschung als auch für die Studierenden. Besonders die Professur für Praktische Theologie ist seit längerer Zeit vakant und sollte möglichst bald besetzt werden. Einsparungen wird es wohl geben, und sie werden den Personalbereich betreffen. Wie genau, ist derzeit noch offen.
Heil: Die große Sorge ist, dass kurzfristige Sparvorgaben nach dem Gießkannenprinzip umgesetzt werden und frei werdende Stellen einfach unbesetzt bleiben. Das kann erhebliche Folgen haben, weil dahinter meist kein strategisches Konzept steht. Einsparungen wären durchaus möglich, müssten aber in eine langfristige Entwicklungsperspektive eingebettet sein. Wir haben bereits den Master Religion in Europe erwähnt. Er läuft erst im zweiten Jahr, entwickelt sich aber sehr erfreulich und zieht engagierte Studierende aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen an. Gemeinsam mit der Katholisch-Theologischen Fakultät organisiert, eröffnet er vielfältige interdisziplinäre Möglichkeiten. Solche Angebote werden immer wichtiger. Wir dürfen uns nicht allein an künftige Pfarrerinnen, Pfarrer oder Lehrkräfte richten, sondern müssen auch Menschen ansprechen, die sich allgemein für Religion interessieren. Gerade hier zeigt sich das Potenzial interdisziplinärer Zusammenarbeit.
Wir haben nun auf Erfolge zurückgeblickt. Wie steht die Evangelisch-Theologische Fakultät heute aus Sicht der Studierenden da? Bei den katholischen Fakultäten ist zuletzt ein vorsichtiger Positivtrend erkennbar, die Zahlen scheinen sich nach Jahren des Rückgangs zumindest zu stabilisieren. Wie sieht die Situation bei Ihnen aus?
Öhler: Die Studierendenzahlen sind derzeit weitgehend stabil. Wir bewegen uns ungefähr auf dem Niveau der vergangenen Jahre. Ganz genaue Zahlen habe ich nicht im Kopf, aber wir verzeichnen etwa 25 Studienanfängerinnen und -anfänger. Durch den neuen Studiengang Religion in Europe kommen zusätzlich Kohorten von jeweils etwa elf bis 15 Studierenden hinzu.
Und wie viele Studierende hat die Fakultät insgesamt?
Heil: Zwischen 150 und 200. Derzeit dürften es rund 180 sein, wobei die Doktoratsstudierenden mitgerechnet sind.
Öhler: Wir haben einen vergleichsweise hohen Anteil an Doktoratsstudierenden. Das hängt damit zusammen, dass wir viele Drittmittelprojekte haben, in deren Rahmen Dissertationen entstehen. Im Verhältnis zu Bachelor- und Masterstudierenden sind wir hier überdurchschnittlich stark aufgestellt.
Sie stehen am Beginn Ihres Dekanats. Manche betrachten dieses Amt als Belastung, die sie von Forschung und Lehre entfernt, andere verbinden damit ein eigenes Programm. Wie sehen Sie das?
Öhler: Ein Regierungsprogramm habe ich keines. Eine Fakultät wird nicht regiert, sondern gemeinsam gestaltet. Das gilt für Professorinnen und Professoren, den Mittelbau, das allgemeine Universitätspersonal und die Studierenden. Mein Ziel ist es, möglichst viele in Entscheidungen einzubeziehen. Unter den aktuellen Sparvorgaben wird das allerdings schwieriger. Bei meiner Antrittsrede habe ich gesagt: Die fetten Jahre sind vorbei. Zumindest zeichnet sich das bereits ab. Damit steigt auch der Bedarf an Moderation und an Erklärungen für unpopuläre Entscheidungen.
Gilt das auch für das gesellschaftliche Standing der evangelischen Theologie? Muss heute stärker erklärt werden, warum es sie braucht?
Öhler: Die Frage, wozu man Theologie eigentlich brauche, begegnet uns immer wieder. Sie ist aber nicht drängender geworden als früher. Unser Ziel ist es, durch Forschung und interdisziplinäre Zusammenarbeit zu zeigen, welchen Beitrag die Theologie leisten kann. Diese Offenheit erleben wir auch bei unseren Partnerinnen und Partnern innerhalb und außerhalb der Universität. Das zeigt sich etwa in gemeinsamen Lehrveranstaltungen. Im vergangenen Semester hatten wir ein Seminar zu Jesus im Film. Die Hälfte der Teilnehmenden waren Filmstudierende, die überrascht waren, wie relevant theologische Fragestellungen für ihr eigenes Fach sein können.
Auch die katholischen Fakultäten setzen stark auf Profilbildung, Internationalisierung und Interdisziplinarität. Forschungsnetzwerke werden aufgebaut, Kooperationen geschlossen, Drittmittelprojekte eingeworben. Geht die evangelische Fakultät hier einen anderen Weg?
Öhler: Nein, grundsätzlich nicht. Inhaltlich setzen wir andere Akzente, aber die wissenschaftlichen Instrumente sind dieselben. Forschung wird über Projekte organisiert und finanziert, dafür gelten überall vergleichbare Anforderungen. Bei der internationalen Vernetzung gibt es aufgrund der weltweiten Verbreitung des Protestantismus teilweise andere Kontakte und Schwerpunkte. Insgesamt sind die Unterschiede zur katholischen Theologie aber eher gering.
Dann eine grundlegende Frage: Angenommen, angehende Studierende überlegen, ob evangelische Theologie für sie das Richtige ist. Worin besteht im Kern der Unterschied zwischen katholischer und evangelischer Theologie?
Heil: Man kann vielleicht damit beginnen, dass Martin Luther selbst Theologieprofessor war. Das war für seine Identität und sein Selbstverständnis von zentraler Bedeutung. Auch in den Auseinandersetzungen seiner Zeit berief er sich auf seine Venia Legendi, also das Recht und die Verpflichtung, die Bibel wissenschaftlich auszulegen. Daran knüpft die evangelische Theologie bis heute an. Dabei geht es nicht darum, Menschen moralisch besser zu machen, sondern um die Fähigkeit, biblische Texte und religiöse Traditionen wissenschaftlich zu erschließen. Natürlich spielen Autoritäten und Texte eine Rolle, nicht nur die Bibel, sondern auch Bekenntnisschriften und die gesamte christliche Tradition. Deshalb beschäftigen wir uns etwa in der Kirchengeschichte mit 2.000 Jahren theologischer Reflexion. Dort findet man kluge Einsichten, aber auch Irrwege, die nur durch kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sichtbar werden. Charakteristisch für die evangelische Theologie ist dabei die Verantwortung der einzelnen Person. Sie fordert dazu heraus, eigene Positionen zu entwickeln und zu begründen. Das muss nicht die Dramatik eines Martin Luther erreichen, der mit dem berühmten Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ verbunden wird. Aber die Betonung persönlicher Verantwortung prägt evangelische Identität auch als Wissenschaft.
Ich meinte das auch etwas existenzieller.
Öhler: Ich würde sagen: Es geht um die Selbstverantwortung, die man im Theologiestudium gewinnt. Verantwortung dafür, was man glaubt, wie man Religion versteht und wie man über Gott nachdenkt. Diese intellektuelle Eigenständigkeit ist etwas, das man in der evangelischen Theologie besonders lernt. Das kann durchaus bedeuten, gegen bestehende Mehrheiten zu argumentieren. Unser Ziel ist es, Studierende dazu zu befähigen, ihre eigene theologische Position zu entwickeln und von dort aus in Kirche, Schule oder Wissenschaft tätig zu sein.
Die katholische Theologie ist stark ausdifferenziert, jede Disziplin bearbeitet andere Fragen. Aber welche großen Themen beschäftigen die evangelische Theologie derzeit besonders?
Öhler: Aus der Perspektive des Neuen Testaments würde ich sagen: Die Auseinandersetzung mit Hermeneutik, also mit dem Verständnis und der Auslegung der Bibel, bleibt ein zentrales Thema. International sehen wir, wie stark biblische Texte zur Legitimation gesellschaftlicher und politischer Positionen herangezogen werden. Das gilt etwa für Entwicklungen in den USA, aber auch in anderen Ländern. Gerade deshalb ist es wichtig, die Wirkungsgeschichte biblischer Traditionen und ihrer Deutungen neu zu reflektieren. Welchen Einfluss haben sie auf Kultur, Gesellschaft und Politik? Das ist ein zentrales und oft unterschätztes Forschungsfeld.
Heil: Aus kirchenhistorischer Sicht beschäftigt mich besonders der missbräuchliche Rückgriff auf Geschichte. Ein prominentes Beispiel ist die historische Argumentation, mit der Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine gerechtfertigt wird. Solche Instrumentalisierungen von Geschichte gab es immer, doch digitale Medien und Künstliche Intelligenz verstärken ihre Reichweite zusätzlich. Texte und Narrative werden ständig reproduziert und weiterverbreitet, oft ohne kritische Prüfung. Dadurch wächst die Menge an Fehlinformationen. Das betrifft nicht nur politische Konflikte, sondern auch antisemitische Deutungsmuster und andere ideologische Konstruktionen. Diese „dunkle Seite der Geschichte“ wird uns künftig noch stärker beschäftigen.
Gerade in einer digitalen Gesellschaft ist Aufklärung eine zentrale Aufgabe. Das scheint mir auch ein Feld zu sein, auf dem evangelische und katholische Theologie gemeinsam gefordert sind.
Öhler: Davon bin ich überzeugt. Die Fähigkeit zu prüfen, wo Fake News entstehen, wie Informationen manipuliert werden und welche Inhalte künstliche Intelligenz ohne reale Grundlage erzeugt, wird immer wichtiger. Das betrifft die wissenschaftliche Theologie ebenso wie ihre Vermittlung in Kirche und Gesellschaft. In den kommenden Jahren wartet hier viel Arbeit auf uns. Darauf müssen und wollen wir vorbereitet sein.
Das ist ein passendes Schlusswort. Wenn wir mit Martin Luther begonnen haben, sollen wir auch mit ihm enden. In seinen Tischreden heißt es: „Man muss Lehre und Leben unterscheiden. Das Leben ist bei uns ebenso schlimm wie bei den Päpstlichen.“ Damit bedankt sich der Päpstliche, also ich als Katholik, bei den evangelischen Lehrenden hier an der Fakultät. Vielen Dank für das Gespräch. Wenn Ihnen dieser Podcast gefallen hat, freuen wir uns über eine Bewertung, eine Weiterempfehlung oder Ihren Besuch auf diesseits.theopodcast.at, wo inzwischen mehr als 100 Folgen verfügbar sind.
