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Quo vadis, Religion? - Ein Live-Podcast aus Salzburg

 

Welche Relevanz haben religiöse Themen heute in einer interkulturellen Perspektive in Wissenschaft, Medien und Bildungsarbeit? Diese Frage diskutierten in Salzburg Prof. Martin Dürnberger mit Melitta Müller-Hansen, Alena Höfer und Prof. Martin Rötting. Ein "Live-Podcast" aus Anlass und im Rahmen des Fest-Symposions zu 20 Jahre Salzburger "Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen" 

 

Gespräch am 28. September 2026 an der Universität Salzburg im Rahmen des 20-Jahr-Jubiläums des 'Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen' - v.l.: Prof. Martin Dürnberger, Alena Höfer, Melitta Mueller-Hansen, Prof. Martin Rötting

Foto: Kathpress / Henning Klingen

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Podcast vom 29. September 2026 | Transkript gekürzt | Gestaltung: Martin Dürnberger | Produktion: Henning Klingen

 

Dürnberger: Vielleicht kennen einige von Ihnen den Werbeslogan: "What happens in Vegas stays in Vegas." Manchmal hat man den Eindruck, das gelte auch für wissenschaftliche Konferenzen: Was dort geschieht, bleibt dort – und wenn man ganz sicher sein will, dass niemand davon erfährt, gibt es noch einen Tagungsband... Umso mehr freut es mich, dass ich Sie heute von einer Fachtagung in Salzburg begrüßen darf, die bewusst die Schnittstelle zur Öffentlichkeit sucht. Das "Zentrum Theologie, Interkulturell und Studium der Religionen" feiert in diesem Herbst seinen 20. Geburtstag mit einer Tagung zum Thema "Paradoxe Beziehungen? Individuelle Spiritualität und politisierte Religion". Seit 20 Jahren wird hier zu religionsbezogenen Themen gearbeitet, theologisch wie religionswissenschaftlich, immer in der Überzeugung, dass sich Geschichte und Gegenwart ohne Religion, ihre Pluralität und ihre Wechselwirkungen nicht angemessen verstehen lassen.

 

Dieses Kaffeehausgespräch ist zugleich eine Sonderfolge des Podcasts "Diesseits von Eden". Mein Name ist Martin Dürnberger, ich bin Professor für theologische Grund- und Gegenwartsfragen an der Universität Salzburg. Heute spreche ich mit drei Gästen: Dr. Alena Höfer hat evangelische Theologie in Bochum, Heidelberg und Wuppertal studiert und sich in ihrer Promotion mit transkultureller Theologie am Beispiel koreanisch-amerikanischer Christinnen beschäftigt. Sie arbeitet heute in der Religionswissenschaft und interkulturellen Theologie an der Universität Heidelberg. Kirchenrätin Melitta Müller-Hansen ist Beauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für Hörfunk und Fernsehen im Bayerischen Rundfunk und verantwortet unter anderem Gottesdienste, Filme, Radioformate und Morgenandachten. Und schließlich begrüße ich Dr. Martin Rötting, Professor für Religious Studies und Leiter unseres Zentrums – und, weil wir seit Jahren am gleichen Gang sitzen, darf ich ihn duzen.

 

Beginnen wir mit der Gegenwart. Die Debatten über Religion sind heterogen: Die einen sehen weiterhin Säkularisierung als bestimmendes Narrativ und fragen vor allem nach dem Rückgang institutioneller Bindung. Andere verweisen auf neue religiöse Dynamiken, etwa steigende Taufzahlen in einzelnen Ländern. Wieder andere sagen: Entscheidend ist gar nicht, wie viele Menschen in einen Gottesdienst gehen: Religion ist als Identitätsmarker und politischer Faktor wirksam – mitunter reicht eine religiöse Idee, die gesellschaftlich oder politisch aufgegriffen wird. Wir haben also tausend Thesen und hunderttausend Wahrnehmungen. Frau Höfer, was tut sich aus Ihrer Sicht im religiösen Feld?

 

Höfer: Viele dieser Bewegungen hat es immer schon gegeben, sie sind also nicht völlig neu. Neu ist eher, dass wir sie stärker öffentlich diskutieren und dass sehr unterschiedliche Deutungen gleichzeitig aufeinandertreffen. Für mich besteht die gegenwärtige Herausforderung darin, mit diesen verschiedenen Strömungen und Positionen wissenschaftlich verantwortlich umzugehen: sie nicht vorschnell zu vereinheitlichen, Möglichkeiten und Grenzen aufzuzeigen und die breite Pluralität ernst zu nehmen. Wissenschaft muss diese Komplexität aushalten, auch wenn öffentliche Debatten oft nach einfachen Diagnosen verlangen.

 

Dürnberger: Religion war also immer ein Faktor, wird aber heute wieder anders wahrgenommen?

 

Höfer: Ja. Religion ist ständig in Bewegung. Bestimmte Phänomene treten zeitweise stärker in den Vordergrund, andere verschwinden deshalb aber nicht. Die Herausforderung liegt in diesen Gleichzeitigkeiten und Transformationen – oder, wie ich sagen würde, Transkulturationen.

 

Dürnberger: Was verstehen Sie darunter?

 

Höfer: In einer globalisierten Welt treffen unterschiedliche kulturelle Traditionen aufeinander, beeinflussen sich und verflechten sich. Manche Verbindungen lösen sich wieder, andere entstehen neu. Es geht also nicht darum, dass abgeschlossene Kulturen einfach nebeneinanderstehen oder dass die eine die andere ersetzt. Vielmehr verändern sie sich im Kontakt miteinander. Diese Verflechtung ist ein permanenter Prozess, und genau deshalb sind religiöse Traditionen nie völlig statisch.

 

Mediale Eventkultur und Personalisierung

 

Dürnberger: Frau Müller-Hansen, Medien sind oft eine Art Seismograf. Was funktioniert derzeit bei religiösen Themen?

 

Müller-Hansen: Von einem Großtrend würde ich nicht sprechen, dafür ist das Feld zu divers. Ich kann eher sagen, was medial weiterhin funktioniert. Im Fernsehen sind es große Ereignisse. Die Einführung des neuen Papstes etwa hat über Tage enorme Aufmerksamkeit erzeugt und Millionen Menschen erreicht. Das hängt aus meiner Sicht nicht nur mit katholischer Frömmigkeit zusammen, sondern auch mit Eventkultur und Personalisierung: Menschen wollen Teil von etwas sein, das viele bewegt, und sie orientieren sich an Personen, die zu öffentlichen Figuren oder beinahe zu Stars werden.

 

Gleichzeitig ist Kontinuität ein wichtiger Faktor. Im ZDF gibt es jeden Sonntag einen Gottesdienst, abwechselnd katholisch und evangelisch. Die evangelischen Übertragungen erreichen konstant etwa eine Million Menschen. Diese Gottesdienste werden zudem über Social Media begleitet und sind stärker interaktiv geworden. Im Bayerischen Rundfunk verlieren wir dagegen Sendeplätze, weil wir eine solche Regelmäßigkeit nicht im gleichen Maß haben und darauf angewiesen sind, dass Menschen zufällig einschalten oder bewusst im Programm nachsehen. Im Radio wiederum haben wir seit rund 30 Jahren erstaunlich stabile Reichweiten am Sonntagvormittag. Dort verbinden wir persönliche Religiosität, biblische Verkündigung und Theologie. Der Mensch, der spricht, hält keinen Vortrag, sondern erzählt erfahrungsbezogene Theologie. Das funktioniert weiterhin sehr gut.

 

Dürnberger: Ist also die Person wichtiger als der Inhalt?

 

Müller-Hansen: Ich hoffe, dass es nicht nur um die Person geht. Es wird durchaus wahrgenommen, was jemand sagt. Für unsere Arbeit heißt das: Wir achten sehr genau darauf, wer spricht und was diese Person sagt.

 

"Religiöse und spirituelle Orientierung ist anstrengender geworden"

 

Dürnberger: Martin, was fällt dir gegenwärtig in deinem Forschungsbereich besonders auf?

 

Rötting: Religion hat auf verschiedenen Ebenen ihre Unschuld verloren. Die großen religiösen Institutionen sind weiterhin mit Missbrauch, Aufarbeitung und Vertrauensverlust konfrontiert. Dadurch kommen sie oft kaum zu dem, was sie eigentlich verkündigen wollen, weil vieles zunächst unter dem Vorzeichen der Skepsis gehört wird. Zugleich wurden auch alternative spirituelle Milieus entzaubert. Menschen, die sich von institutioneller Religion abgewandt und in spirituellen Gruppen Orientierung gesucht haben, mussten zum Teil erleben, dass Meister oder Gurus selbst Missbrauchstäter waren. Wer erst aus der einen Form von Religiosität ausgestiegen ist und später auch von der nächsten enttäuscht wird, hängt leicht in der Luft.

 

Trotzdem kommen die Menschen aus der "Nummer Religion" nicht einfach heraus. Sie arbeiten sich an religiösen Stereotypen, Bildern, Symbolen und Weltdeutungen ab – im Guten wie im Schlechten. Selbst wer sagt, Religion interessiere ihn nicht, bewegt sich oft in Weltbildern, die dazu in Beziehung stehen. Das muss keine positive Beziehung sein. Für mich ist das weniger ein Megatrend als eine Diagnose: Die religiöse und spirituelle Orientierung ist anstrengender geworden, gerade weil sowohl institutionelle als auch individuelle Formen von Religion unter Druck geraten sind.

 

Dürnberger: Also weniger Gleichgültigkeit als ein fortdauerndes Abarbeiten an religiös codierten Orientierungsbildern?

 

Rötting: Genau. Die klassische Gottesfrage steht vielleicht nicht an erster Stelle. Aber Menschen fragen, wie es ihren Kindern künftig gehen wird, was gute Bildung ist, wie politische und gesellschaftliche Entwicklungen ihr Leben beeinflussen und was überhaupt ein gutes Leben ausmacht. Über solche Sorgen kommen ethische Grundfragen wieder ins Spiel. Sie werden manchmal mit neuen Gottesbildern, manchmal mit religiösen oder spirituellen Praktiken wie Meditation oder Yoga verbunden. Die Herausforderung ist, dass viele Menschen ihren eigenen Navi durchs Leben bauen müssen. Einen allgemein verbindlichen Masterplan gibt es nicht mehr.

 

Podiumsgespräch und 'Live-Podcast'

 

Was sich in den vergangenen 20 Jahren verändert hat

 

Dürnberger: Kommen wir zu Veränderungen der vergangenen 20 Jahre. Frau Müller-Hansen, was hat sich durch Digitalisierung und Social Media in Ihrem Bereich verändert?

 

Müller-Hansen: Wir verlieren klassische Sendeplätze im Fernsehen, weil lineares Fernsehen insgesamt an Bedeutung verliert. Öffentlich-rechtliche Anbieter versuchen deshalb, Mediatheken zu Plattformen auszubauen, die auch jüngere Menschen nutzen. Kirchliche und religiöse Angebote stehen dort meines Erachtens noch ziemlich am Anfang. Interessant finde ich Formate, in denen junge Menschen unterschiedlicher Religionen gemeinsam über Fragen sprechen. Gleichzeitig sehe ich kritisch, dass viele Medienformate dazu drängen, sich sofort festzulegen: Wofür bist du, wogegen bist du? Diese permanente Bekenntnislogik kann gesellschaftliche Spaltung verstärken, statt Verständigung zu ermöglichen.

 

Gute Erfahrungen habe ich mit Gottesdiensten gemacht, zu denen ich jüdische und muslimische Theologinnen eingeladen habe. Anfangs hatte ich mit einem massiven Shitstorm gerechnet. Tatsächlich bekam ich viele positive Rückmeldungen von Menschen, die sagten: Endlich wird öffentlich sichtbar, dass wir in einer religiös vielfältigen Gesellschaft zusammenleben. Wir sind medial oft noch zu stark segmentiert.

 

Besonders gut funktionieren außerdem persönliche Geschichten von Menschen, die eine spirituelle Reise machen. Auf einer europäischen Tagung in Kopenhagen haben wir viele religiöse Filme gesehen. Am stärksten waren für mich Produktionen, in denen eine Person durch eine Krise geht, nach ihren religiösen Wurzeln fragt, begleitet wird und neue Perspektiven gewinnt. Entscheidend ist die Verbindung aus Identifikationsfigur, Praxis, religiöser Bildung und Reflexion. Spiritualität sollte nicht nur Erlebnis oder Hype sein. Menschen müssen die Möglichkeit bekommen, ihre Erfahrungen wieder in ihr Leben einzuordnen. Dazu braucht es gute theologische Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner.

 

Dürnberger: Funktioniert dieses Modell auch auf TikTok?

 

Müller-Hansen: In sehr kurzen Formaten nur begrenzt. Wir haben selbst ein Format entwickelt, das "Sinn und Seele" heißt und ungefähr 15 Minuten dauert. Es beginnt mit einer existenziellen Frage, etwa: Bin ich schön genug? Dann erzählt eine Person von ihrer Erfahrung, trifft jemanden aus der Seelsorge, und schließlich wird eine theologische Ebene ergänzt: Wie lässt sich die Frage biblisch oder theologisch einordnen? So eine Mischung braucht etwas Zeit. Eine halbe Stunde kann schon wieder zu lang sein, aber 90 Sekunden auf TikTok sind für diese Komplexität sehr knapp. Dort bekommt man eher einfache Antworten – etwa von Christfluencern. Das ist ein eigenes Problem.

 

Dürnberger: Sie hatten einen großen Shitstorm erwartet, der dann ausblieb. Wann haben Sie tatsächlich besonders heftige Reaktionen erlebt?

 

Müller-Hansen: Während der Corona-Zeit. Wir mussten Gottesdienste ohne Gemeinde und mit sehr wenigen Beteiligten entwickeln. Die Menschen waren in dieser Situation sehr bedürftig, vielleicht auch verletzlicher als sonst. Wenn das, was wir sagten, die Musik oder die Gestaltung nicht ihren Erwartungen entsprach, waren die Reaktionen teilweise enorm heftig. Da habe ich die große Sensibilität religiöser und spiritueller Kommunikation im Medium noch einmal neu verstanden. Man kann unmöglich alle Bedürfnisse erfüllen, aber man muss sie wahrnehmen und respektieren und transparent machen, warum man sich für eine bestimmte Form entschieden hat.

 

Dürnberger: Martin, was hat sich in den Religious Studies und der Religionswissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

 

Rötting: Als ich begonnen habe, waren Religionsphänomenologie und Autoren wie Mircea Eliade noch sehr präsent. Später kam eine starke Kritik an essenzialistischen Vorstellungen von Religion. Die kulturwissenschaftliche Perspektive wurde mit großer Energie ausgebaut – und diese Kritik war in vielem notwendig. Heute scheint mir das Pendel aber teilweise wieder zurückzuschwingen. Man schaut genauer darauf, ob in älteren Ansätzen nicht doch einzelne Fragen oder Beobachtungen stecken, die weiterhin relevant sind. Denn es gibt eine interessante Spannung: Wenn man Menschen nach ihrer eigenen Religiosität fragt, formulieren sie häufig sehr wohl etwas, das für sie wesentlich ist. Sie wollen die Essenz ihres Lebens, ihres Glaubens oder ihrer Erfahrung ausdrücken. Wissenschaftlich kann man zeigen, wie hybrid, historisch und kulturell vermittelt solche Selbstdeutungen sind. Aber man darf darüber nicht übersehen, was einer Person selbst existenziell wichtig ist. Deshalb glaube ich, dass Religionswissenschaft und die Theologien verschiedener Religionen stärker miteinander arbeiten müssen. Eine rein kulturwissenschaftliche Linse reicht nicht immer aus. Im Fach wird darüber weiterhin intensiv gerungen; ein endgültiger Landeplatz ist noch nicht in Sicht.

 

Gleichzeitigkeiten aushalten und vermitteln

 

Dürnberger: Frau Höfer, kennen Sie diese Spannung auch aus Ihrer Arbeit?

 

Höfer: Absolut. Bevor ich an die Universität zurückgegangen bin, habe ich zwei Jahre als Referentin für Frauenpolitik und intersektionalen Feminismus gearbeitet. Dort habe ich erlebt, wie schwierig es ist, wissenschaftliche Komplexität verständlich zu vermitteln. Ich sollte Gemeindemitgliedern erklären, was Rassismuskritik oder Intersektionalität bedeutet. Gleichzeitig sagten viele: Da ist schon die Klimakrise, da ist die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, jetzt kommt noch Rassismuskritik, und dann heißt es auch noch, die bisherige Frauenbewegung müsse sich selbst kritisch überprüfen... Menschen haben schnell das Gefühl, ihnen werde alles Vertraute genommen und alles werde kompliziert.

 

Die Herausforderung besteht deshalb darin, diese Gleichzeitigkeiten nicht kleinzureden, aber Wege zu finden, sie so zu vermitteln, dass Menschen handlungsfähig bleiben. Wissenschaftliche Differenzierung darf nicht einfach zu Überforderung führen. Wir brauchen Perspektiven, die Komplexität anerkennen und zugleich Orientierung, Hoffnung und konkrete Möglichkeiten des Handelns eröffnen.

 

Dürnberger: Wo haben Sie selbst durch Ihr Studium eine solche Transformation erlebt?

 

Höfer: Für mich war die interkulturelle Theologie entscheidend. Ich habe noch in einem klassischen theologischen Fächerkanon studiert und dann erlebt, wie sich durch interkulturelle und postkoloniale Ansätze neue Verbindungen ergaben. Dort habe ich gelernt, rassismuskritisch zu denken und theologische Fragen mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zusammenzubringen.

 

Besonders prägend war die Lektüre einer koreanisch-amerikanischen Theologin. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass eine Theologie – natürlich aus einem anderen Kontext – etwas mit meiner eigenen Biografie zu tun hat. Systematische Theologie war mir vorher oft weit entfernt erschienen; plötzlich sprach jemand in mein Leben hinein. Dieses Gefühl, mich selbst in einer theologischen Reflexion wiederzufinden, hat mein Denken bis heute nachhaltig verändert.

 

Dürnberger: Frau Müller-Hansen, wie war das bei Ihnen?

 

Müller-Hansen: Bei mir war es eindeutig die feministische Theologie, verbunden mit befreiungstheologischem Denken. Das hat mich schon im Studium geprägt und später weiter begleitet. Die feministische Theologie kann natürlich, wie jede Denkrichtung, auch eine ideologische Schlagseite bekommen. Wenn sie gut ist, arbeitet sie aber sehr sorgfältig und öffnet neue exegetische Blickwinkel. Genau das begleitet mich bis heute in meiner Medienarbeit: Texte noch einmal anders anschauen, neue Erkenntnisse einbeziehen, nach historischen Kontexten fragen. Was wissen wir über die Entstehung der Evangelien? In welchem Sinn sind sie Literatur nach Kriegserfahrungen? Was bedeutet das für unsere Wahrnehmung von Welt? Solche Fragen finde ich weiterhin aufregend.

 

Rötting: Mein eigener Weg führte über Theologie, Religionswissenschaft und Buddhismus. In meiner Sturm-und-Drang-Phase wollte ich, etwas zugespitzt gesagt, die Erleuchtung erlangen und ging deshalb in ein buddhistisches Kloster. Später begegnete ich bei einem intermonastischen Treffen einem Professor aus Dublin, der mich fragte, wo ich diese Themen studiere. Meine Reaktion war sinngemäß: Kann man so etwas überhaupt studieren? So kam ich ans Trinity College in Dublin.

 

Dort trafen sich in den 2000er-Jahren viele Menschen, die bereits pastorale oder NGO-Erfahrung hatten und mit großem Veränderungswillen Ökumene und interreligiösen Dialog studierten. Unsere Professoren haben uns beigebracht, aus dieser Erfahrungsbezogenheit heraus einen Schritt zurückzutreten: Bevor du die Welt rettest, schau dir die Sachlage noch einmal genau an – sie ist meistens komplizierter, als du denkst. Für mich besteht die hohe Kunst akademischer Arbeit bis heute darin, mit dem Herzen dabei zu sein und zugleich analytisch Distanz zu halten. Das Herz soll nicht verschwinden, aber es darf auch nicht so überschäumen, dass man für den eigenen Gegenstand vor Liebe blind wird.

 

Wünsche an die akademische Theologie und den Religionswissenschaften

 

Dürnberger: Kommen wir zum Abschluss zu den Wünschen. Der Anlass ist ja der 20. Geburtstag des Zentrums, und zu Geburtstagen gehören Wünsche. Mich interessiert deshalb, was Sie sich von der akademischen Theologie und Religionswissenschaft wünschen – nicht nur für die Wissenschaft selbst, sondern auch für ihre öffentliche Rolle.

 

Müller-Hansen: Ich sehe eine große Lücke bei religiöser Bildung. Für Medien ist das eine zentrale Frage: Wie müssen wir sprechen, damit Menschen uns verstehen, wenn religiöses Wissen kaum noch vorausgesetzt werden kann? Wir können nicht in jedem Beitrag bei Null anfangen. Gleichzeitig suchen Menschen spirituell weiter und machen Erfahrungen, die sie irgendwie deuten müssen. Wenn ihnen dafür Begriffe, Wissen und Reflexionsmöglichkeiten fehlen, bleiben sie leicht orientierungslos.

 

Ich weiß nicht, ob die universitäre Theologie diese Lücke allein schließen kann. Aber für mich liegt hier eine enorme Dringlichkeit. Wie begleiten wir Menschen in ihren Suchbewegungen, ohne ihnen einfache Antworten vorzusetzen? Wie vermitteln wir religiöse Bildung so, dass sie in einer komplexen Welt zur Urteilsfähigkeit beiträgt? Mündigkeit gibt es nicht ohne Bildung – und das gilt auch für Religion.

 

Dürnberger: Das berührt unmittelbar die sogenannte Third Mission der Universitäten, also die Aufgabe, wissenschaftliches Wissen in die Gesellschaft zu tragen. Dieses Ziel steht zwar in vielen Programmen, aber im akademischen Alltag dominieren oft andere Anreize, etwa Drittmittel und Publikationen. Wenn Wissenschaftskommunikation wirklich wichtig sein soll, muss die Universitätslandschaft sie auch strukturell ernst nehmen und nicht nur als schönes Zusatzlabel führen.

 

Müller-Hansen: Genau. Wenn von einer zweiten Aufklärung gesprochen wird, gehört für mich dazu, dass Menschen urteilsfähig werden. Diese Urteilsfähigkeit setzt Bildung voraus. Religiöse Bildung ist deshalb kein nebensächliches Spezialthema, sondern Teil gesellschaftlicher Mündigkeit.

 

Dürnberger: Frau Höfer, was wünschen Sie sich von Ihrem Fach und den Universitäten?

 

Höfer: Drei Dinge: Erstens wünsche ich mir als Vertreterin des akademischen Mittelbaus, dass Frauen, People of Color und Menschen mit Migrationsgeschichte stärker gefördert werden und ihre Perspektiven sichtbarer in Forschung und Wissenschaft einbringen können. Zweitens haben wir nicht nur einen Forschungs-, sondern auch einen Lehrauftrag. Wir sollten Studierenden vermitteln, wie kritisches Denken funktioniert, wie man belastbare Argumentationen entwickelt und wie man mit komplexen Fragen so umgeht, dass Antworten fachlich fundiert und zugleich für Menschen hilfreich sind – ohne wieder in essenzialistische Vereinfachungen zu fallen. Drittens brauchen wir inhaltlich eine intensivere Auseinandersetzung mit Macht und mit unterschiedlichen Epistemologien in einer postmigrantischen Gesellschaft.

 

Dürnberger: Martin, was wünschst du dir für das Zentrum in den nächsten 20 Jahren?

 

Rötting: Ich wünsche mir, dass aus den vielen guten Ideen größere gemeinsame Forschungsprojekte entstehen. In unseren Doktoratsstudien und im Master sehe ich Menschen aus Theologie und Religionswissenschaft, die bereits gemeinsam an Themen arbeiten und keine Angst mehr haben, über den eigenen Zaun zu schauen. Genau darin liegt großes Potenzial. Wenn diese Arbeit mehr „Wind in die Segel“ bekäme, könnten daraus Projekte entstehen, die auch außerhalb des Zentrums stärker sichtbar werden.

 

Dazu gehören Forschungsprojekte, aber auch Tagungen, Podcasts oder neue Formate, die vielleicht erst die nächste Generation entwickelt. Ich erlebe Studierende und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die lange diskutieren, noch eine Frage stellen und verschiedene Fäden zusammenbringen. Dieses Potenzial müsste in Formen übersetzt werden, für die auch die Universität und Förderinstitutionen Augen haben. Dabei geht es durchaus um das langfristige Überleben des Zentrums. Ohne größere Drittmittelprojekte wird es schwierig. Ich hoffe deshalb, dass die guten Ideen, die bereits da sind, Früchte tragen und wir den nächsten Schritt schaffen. Denn es passiert schon sehr viel Gutes.

 

Dürnberger: Das ist ein schönes Schlusswort: Es passiert schon sehr viel Gutes, und zugleich bleiben Wünsche für die Zukunft. Herzlichen Dank an alle, die auf dem Podium mitdiskutiert haben, an unser Publikum vor Ort und an alle, die dieses Gespräch digital verfolgen. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder in Salzburg.

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