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Menschheit am Scheidepunkt? - Was sagt Papst Leo XIV. in seiner neuen Enzyklika über KI?

 

"Magnifica Humanitas" lautet der Titel der ersten, am Pfingstmontag präsentierten Sozialenzyklika von Papst Leo XIV. Der Untertitel sagt bereits deutlich, worum es geht: "Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz". Wie ist dieses Lehrschreiben theologisch einzuordnen? Trifft Leo nicht nur den Ton, sondern auch den Kern der aktuellen Debatte? Ein Gespräch mit dem Medien- und Sozialethiker Alexander Filipovic (Wien) und dem Dogmatiker und Philosophen Johannes Hoff (Innsbruck).

 

Menschheit am Scheidepunkt? - Was sagt Papst Leo XIV. in seiner neuen Enzyklika über KI?

Foto: Vatican Media

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Podcast vom 26. Mai 2026 | Transkript gekürzt | Gestaltung: Henning Klingen*

 

In Österreich nutzen mittlerweile mehr als 34 % der Menschen KI-Tools. Je nach Altersgruppe und Erhebung schwanken die Zahlen. Bei den 16- bis 24-Jährigen liegt die Nutzungsrate für generative KIs wie ChatGPT bei über 50 %.

 

Diesen nüchternen Info-Einleitungssatz habe nicht ich geschrieben, sondern eine KI. Gefragt hatte ich, wie hoch die Nutzung von KI in der österreichischen Bevölkerung ist. Die Zahlen stimmen zwar, aber sie sind schon mehr als zwei Jahre alt. Das verriet die KI mir leider nicht, sondern das zeigte sich erst beim Nachlesen. Fakt aber ist: KI ist in unserer unmittelbaren Lebenswelt angekommen. Mehr noch, sie ist dabei, diese Lebenswelt nicht nur zu durchdringen, sondern sie zu verändern. Das macht vielen Menschen Angst und lässt sie zugleich hilflos zurück.

 

Sicher nicht von KI erstellt ist folgender Satz: 

 

"Die von Gott geschaffene, großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl. Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen."

 

Dieser Satz stammt von Papst Leo XIV. Und er bildet den Auftakt zu seiner ersten Enzyklika "Magnifica Humanitas. Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz", die am Pfingstmontag, dem 25. Mai, im Vatikan präsentiert wurde. Anders als bei früheren Enzykliken im Medienzeitalter fand diese Präsentation nicht bei einer Pressekonferenz statt, sondern in der Synoden-Aula. Viele Kurienmitarbeiter waren dabei, ebenso Diplomaten und Medienvertreter. Und besonders: Am Podium saß ein Vertreter eben jener Digitalindustrie, um die es kritisch im Text geht: KI-Pionier und Anthropic-Mitbegründer Christopher Ola.

 

Doch wir wollen uns hier bei "Diesseits von Eden" weniger mit der Inszenierung befassen, sondern mit dem, was denn da eigentlich drinsteht in diesen 120 Seiten des päpstlichen Lehrschreibens. Und dazu habe ich kurzfristig zwei Experten trotz lockenden Sommerwetters zu einer pfingstmontäglichen Lektüre bewegen können: Prof. Johannes Hoff. Er lehrt Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Innsbruck und befasst sich auch schon lange mit Fragen der Technikphilosophie. Und in Wien begrüße ich den Medien- und Sozialethiker an der Katholisch-Theologischen Fakultät, Prof. Alexander Filipovic.

 

Zum Start darf ich Sie beide um ein paar Leseeindrücke bitten. Wie war das für Sie, dieses Schreiben zu lesen? Hat es Funken geschlagen? Wo hat Sie Leo überrascht?

 

Hoff: Also, ich finde, der Text markiert, noch mehr als ich erwartet habe, eine historische Zäsur vor dem Hintergrund meiner eigenen Forschung über KI.

 

Filipovic: Ich habe es gern gelesen. Ich muss ehrlich sagen, ich war aufgeregt. Als Sozialethiker, der sich viel in Lehre und Forschung mit Sozialenzykliken befasst, ist eine neue und offenbar – und richtigerweise ja auch eine echte – Sozialenzyklika wirklich etwas Tolles und Spannendes. Dazu noch KI und Digitalisierung, auch ein Thema, mit dem ich mich lange schon befasse. Da sind zwei Dinge zusammengekommen. Ich hatte große Erwartungen, und es war ein bisschen wie beim Auspacken von einem neuen Gerät: dieser Unboxing-Effekt. Papst Leo macht es ja auch ein bisschen spannend, bis er zum Punkt kommt. Aber ich finde, der Text hat für mich bis ans Ende seine Spannung gehalten. Jetzt macht es Spaß, gemeinsam zu überlegen: Was steht drin? Was ist die Perspektive? Was hat er vielleicht weggelassen und dafür besonders betont?

 

Prof. Johannes Hoff

Prof. Johannes Hoff

 

Plädoyer für eine "Hobbit-Ethik"

 

Dann machen wir das mal in "Zwiebelart", also Schicht für Schicht. Der Typus des Textes ist eine Sozialenzyklika. Was sagt das über den Text aus, über das Publikum, über die Adressaten?

 

Hoff: Das Interessante ist: Ich lese das als Dogmatiker und Philosoph. Sozialenzykliken bewegen sich normalerweise im Bereich von Arbeit und Soziales. Hier geht es aber, weil es um KI geht, um mehr. Es geht auch um den menschlichen Geist und darum, was wir unter Intelligenz verstehen, und natürlich um einen starken theologischen Kern, der vielleicht gar nicht so deutlich auffällt, wenn man den Text erst mal liest. Für mich war er aber deutlich erkennbar. Allerdings spricht die deutsche Übersetzung von "großartiger Menschheit". Wenn man vorher den englischen Text gelesen hat, wirkt das, wie so vieles in der deutschsprachigen Theologie, etwas lauwarm. Der englische Text spricht von "grandeur", also größerer Herrlichkeit, Erhabenheit, Würde. Das ist kräftiger. Es wäre wohl mutiger gewesen, von "glorreicher Menschheit" zu sprechen, denn es geht in diesem Text um den Lobpreis und die Verherrlichung Mariens. Theologisch gesprochen: Am Ende kommt das deutlich heraus. Es geht um Doxologie, die höchste Form eucharistischer Gebetspraxis, und zugleich um die Verletzlichkeit des Menschen als Quelle von Stärke. Deshalb geht es letztlich um nichts Geringeres als um den dogmatischen Kern des christlichen Glaubensbekenntnisses, das Bekenntnis zur Gottheit Christi. Und es gibt unter allen Geschöpfen demzufolge nichts Größeres als den Menschen, der als Bild Gottes dazu bestimmt ist, vergöttlicht zu werden. Das ist eine klare Positionierung, weil sie jeglicher Vergötzung von Maschinen einen Riegel vorschiebt. Der Papst plädiert zwar für Meinungsvielfalt, stellt aber klar: Trans- und posthumanistische Zukunftsnarrative passen nicht in die katholische Kirche. Erzählungen über eine vermeintliche Superintelligenz, die irgendwann die Rolle eines Gottes übernimmt, werden mit Entschiedenheit zurückgewiesen. Die Enzyklika spricht klar davon, dass die Menschheit vor einem historischen Scheidepunkt steht, und benennt ohne falsche Zurückhaltung die Trümmerlandschaften, die wir im Zuge der digitalen Transformation bereits hinterlassen haben – vom sozialen Leben über die Kultur bis hin zur militärischen Landschaft. Dabei antwortet sie nicht, indem sie einfache Rezepte anbietet, so wie im Silicon Valley: "to solve everything". Sondern sie antwortet mit dem, was ich als apokalyptische Wachsamkeit bezeichnen würde oder auch, mit Tolkien, als Hobbit-Ethik. Es gibt keine große Lösung, aber wir müssen wachsam sein und brauchen alle Kräfte. Jeder Einzelne ist gerufen, Verantwortung zu übernehmen: die Zeichen der Zeit zu lesen, das Wettrüsten um künstliche Intelligenz kritisch zu sehen und das beschädigte Vertrauen der Menschheit in ihre eigene Intelligenz wieder zurückzugewinnen.

 

Wir müssen kurz auf die Bremse, weil Sie schon von der äußeren Schicht der Zwiebel direkt ins Innere vorgestoßen sind... Wenn ich es richtig verstehe, würden Sie sagen: Die theologische Hermeneutik, die das Ganze ummantelt – am Anfang die theologische Reflexion, am Ende die mariologische Doxologie –, ist das Gehäuse, das alles trägt. Alexander Filipovic, wenn wir eine Schicht weiter hineingehen, dann beginnt der eigentliche KI-Kern erst bei der Hälfte der Enzyklika. Dazwischen steht eine fast hauptseminarartige Aufarbeitung der Geschichte der Sozialenzykliken. Warum nimmt der Papst gerade die katholische Soziallehre her?

 

Filipovic: In einer Hinsicht ist es nicht überraschend: Bei fast jeder Sozialenzyklika wird mehr oder weniger systematisch Bezug genommen auf die Tradition, in der die Päpste stehen und schreiben. Von daher ist es keine Überraschung, dass Leo das auch macht. Aber die Intensität und die Breite, in der er das tut, sind bemerkenswert. Ich kann mir das nur so erklären: Leo hat gleich am Anfang, als er den Kardinälen seine Namenswahl erläutert hat, gesagt, dass es ihm darum geht, die industrielle Revolution, in der wir heute stecken, sozialethisch zu betrachten. Deswegen könnte ich mir vorstellen, dass sein Pontifikat ein sozialethisches Pontifikat ist, ein theologisch-sozialethisches Pontifikat. Hier schafft er den Grundsatzrahmen, innerhalb dessen er sich als Sozialethiker austoben kann. Denn es ist ja nicht nur der Durchgang durch die Soziallehre, sondern auch das Kirche-Welt-Verhältnis des Zweiten Vatikanischen Konzils wird erläutert. Dann geht er durch seine Vorgänger, lässt vielleicht auch ein paar weg. Benedikt XV., der Friedenspapst, hätte ich erwartet, er kommt aber kaum vor. Er hat keine Sozialenzyklika geschrieben, der fehlt also. Aber Leo schaut jeden Papst an: Was hat er beigetragen? Was kann man bewahren? Was kann man mitnehmen? Das ist alles sehr sorgfältig ausgeführt und formuliert. Ich kann das tatsächlich auch meinen Studierenden geben. Eine kleine Varianz zur vorherigen Tradition der Soziallehre sehe ich bei den Prinzipien der allgemeinen Bestimmung der Güter und der sozialen Gerechtigkeit. Beide werden ein bisschen in den Rang von Sozialprinzipien hochgeschoben. Beides waren immer schon Themen der katholischen Soziallehre, hatten aber üblicherweise einen anderen systematischen Platz. Hier werden sie als Prinzipien mitgesammelt und ausgeführt. Wir haben also Gemeinwohl, allgemeine Bestimmung der Güter, Subsidiarität, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Davor stehen Menschenwürde und Menschenrechte. Das ist eine gute Qualität.

 

Die Prinzipien der Katholischen Soziallehre als Ausgangsbasis

 

Das ist der Sprungpunkt zum Thema KI und dazu, wie er sie als Bedrohung empfindet oder beurteilt. Die Prinzipien der katholischen Soziallehre werden vom Staub befreit und auf neue Herausforderungen angewendet. Was sind seine Sorgen im Blick auf Würde, Gemeinwohl und Subsidiarität? Was treibt ihn im Blick auf KI um?

 

Filipovic: Wenn man beobachtet, wo er die Prinzipien der katholischen Soziallehre aufsammelt und noch einmal klärt, findet bereits in diesem Abschnitt jeweils eine Schärfung für sein Thema statt, nämlich für künstliche Intelligenz. Er geht alle Themen durch. Er sieht die Menschenwürde in Gefahr, die Menschenrechte in Gefahr – also Ausbeutung, neue Formen von Sklaverei, Geschäftsmodelle, die mit den Schwächen der Menschen Geld verdienen. Und bei jedem Stichwort, auch bei Solidarität und Subsidiarität, wird das auf die digitale Gegenwart hin konkretisiert. Wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, dann sagt er etwa: In der heutigen Zeit müssen wir soziale Gerechtigkeit auch in dem durch digitale Technologien geschaffenen Umfeld thematisieren. Da konkretisiert sich die Frage neu: durch Formen von Ausgrenzung und Freiheitsberaubung, durch erschwerten Zugang zu Technologie, durch invasive Überwachung oder dadurch, dass soziale Gruppen durch undurchsichtige Algorithmen benachteiligt werden. Das sind alles Themen sozialer Gerechtigkeit, die er mit dieser Brille im digitalen Kontext feststellt. Ähnlich kann man Solidarität und Subsidiarität im digitalen oder KI-Kontext neu durchbuchstabieren.

 

Prof. Alexander Filipovic

Prof. Alexander Filipovic

 

Vorhin war kurz vom „sehen, urteilen, handeln“ die Rede. Damit steht die Frage im Raum, was denn an Handlung herauskommen soll. Wer ist der Adressat, an den sich dieser Appell richtet? Wer soll handeln, und was soll geschehen?

 

Hoff: Das ist genau das, was ich als Hobbit-Ethik bezeichnen würde. Am Schluss kommt ja dieses Tolkien-Zitat, und das scheint mir nicht zufällig zu sein. Der Papst nimmt sehr ernst, dass wir an einem zivilisationsgeschichtlichen Scheideweg stehen, an dem es keine einfachen Problemlösungsstrategien gibt, an dem gewissermaßen strategisches Denken überhaupt problematisch geworden ist. Es können nicht einfach Spezialisten oder Verantwortungsträger benannt werden, die das Problem für uns lösen. Er sagt: Wir alle stecken da drin. Es gibt keine klare Perspektive, wie wir da herausfinden. Das hat etwas Schicksalhaftes oder Fügungshaftes. Jeder ist an seinem Ort verantwortlich. Das fängt damit an, wie ich im Internet kommuniziere, ob ich in meinen sozialen Netzwerken Kriegsführungsrhetorik kultiviere oder versuche, die Opfer oder die anderen zu verstehen. Das geht bis zur Politik und zur Kriegsmaschinerie, von der er deutlich diagnostiziert, dass sie technogene Ursachen hat. Auch die Polarisierungen in der Gesellschaft sind technogen generiert. Er ist jemand, der das versteht – vielleicht auch, weil er naturwissenschaftlichen Hintergrund hat und die Technologie versteht, die hier am Werk ist. Gleichzeitig stellt er das technokratische Paradigma infrage, das uns etwas ratlos macht, weil wir gewohnt sind, für alles zuerst eine technische Lösung zu suchen: Da muss jetzt die KI ran, die Politik muss regulieren. So einfach geht es nicht mehr. Das hat etwas Entwaffnendes: Wir sind in diesem Schlamassel drin und können nur gemeinsam herausfinden. Wer ist also der Adressat? Ob das rhetorisch klappt, weiß ich nicht. Interessant ist auch der didaktische Aufbau. Erst wird die Geschichte der Soziallehre erzählt, dann kommt eine systematische Zuspitzung, und dann die Technik: Was ist Mythos und Science Fiction? Was ist die wirkliche Herausforderung für uns als fühlende, verkörperte Wesen, die sich dadurch von Maschinen unterscheiden, dass sie lieben und hassen, Schmerzen empfinden und emotionale Intelligenz haben?

 

Filipovic: Ich nehme das genauso wahr. Es sind ein paar Akteure genannt, aber es gibt keine Engführung auf bestimmte Verantwortliche. Es gibt auch keine klare sozialethische Zuspitzung auf die Frage: Welche Akteure gibt es und welche Verantwortung haben diese spezifischen Akteure? Das wird manchmal angedeutet, aber im Grunde sollen alle mit ins Boot genommen werden. Was mir aufgefallen ist: Eigentlich würde man den Staat anrufen. Leo sagt aber: Heute gibt es private Akteure, die die Hauptdarsteller sind und deswegen eigentlich auch Hauptverantwortung tragen. Das wird aber nicht ausgeführt. Mir ist die Zielrichtung klar, mir wäre aber lieber gewesen, die Unternehmen in ihrer enormen Macht und Gestaltungskraft noch stärker in die Pflicht zu nehmen. Auch die Perspektive der internationalen Staatengemeinschaft, also etwa der Vereinten Nationen, tritt etwas zurück. Wenn es eine Menschheitsfrage ist: Warum wird nicht stärker die Institution in die Pflicht genommen, die die Menschheit verbindet?

 

Hoff: Die internationalen Institutionen habe ich etwas anders wahrgenommen. Da wird durchaus diskutiert: Wir brauchen die UNO. Aber er hat eine therapeutische Perspektive. Er sagt: Die Institutionen sind beschädigt und müssen aus dem Trümmerladen heraus restauriert werden. Das Trümmerbild – Babel, der Turm von Babel und Nehemia – ist ja das Leitmotiv. Wir müssen wieder Konsensfähigkeit entwickeln. Wenn ich mit IT-Leuten spreche, höre ich oft: Die UNO ist zahnlos. Die Einzigen, die noch übrig geblieben sind, sind die katholische Kirche. Selbst wenn sie nichts glauben, finden sie das interessant. Diese Rolle nimmt Leo wahr. Er sagt: Wir können die UNO und internationale Organisationen nicht aufgeben. Aber er sieht sie, wie viele im angelsächsischen Raum, pessimistischer.

 

Verteidigung der Soziallehre gegen ihre Feinde in den eigenen Reihen

 

Das hat mich beim Lesen auch irritiert: dieses Leitbild zwischen Babel und Nehemia, das ich in der Einleitung zitiert habe. Das ist eine dualistische Entscheidungssituation. Und da frage ich mich: Wenn es so dramatisch ist, wenn er so zuspitzt – wir stehen an der Schwelle –, dann hätte ich am Schluss ein bisschen mehr Fingerzeig erwartet. Ich hatte noch einen anderen Leseeindruck: Ist die Verteidigung der Soziallehre vielleicht auch gegen einen Gegner gerichtet, den er nicht nennt: gegen jene Strömungen in der eigenen katholischen Kirche, die diesen sozialverkündigenden Bereich am liebsten ausblenden würden? Ich denke an Integralisten, auch im amerikanischen Kontext, für die dieser Bereich irrelevant ist, weil Wahrheit von oben kommt und sich nicht sozial durchsetzen muss. Ist das überschießend, oder legt er auch diesen Gegnern jenseits des Teichs "eine auf"?

 

Hoff: Ja, er hat sehr stark "Dignitatis Humanae", die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Menschenwürde, in Erinnerung gerufen – gerade dies ein Text, der von Integralisten relativiert wird. Dabei sagt er: Wir brauchen zwar eine Orientierung am Gemeinwohl, das spielt auch bei den Integralisten eine große Rolle. Aber er sagt klar: Das lässt sich nicht mit Gewalt oder Autorität durchsetzen, sondern nur durch das Hören aufeinander. Er entwickelt damit eigentlich das, was wir von Maritain kennen, auch in Reaktion auf den französischen Integralismus: den integralen Humanismus als Gegenposition.

 

Filipovic: So habe ich das auch gelesen. Gegen den Integralismus finde ich die Passagen stark, in denen er sagt: Kirche, Politik und Staat sind etwas Unterschiedliches. Jeder hat seine Rolle und Verantwortung. Das kann nicht vermischt werden und soll auch nicht vermischt werden. Gegen jene, die sagen, die Kirche dürfe sich nicht zu Politik äußern, wird zugleich mit dem Zweiten Vatikanum klar gesagt: Nein. Wenn wir Evangelium sagen, dann geht es um soziale Gerechtigkeit und Politik. Leo zeigt, wie politisches, geistliches und theologisches Denken eine Einheit bilden.

 

Jetzt möchte ich noch einmal den Brückenschlag an den Anfang machen, wo Sie, Professor Hoff, schon über die theologische Rahmung gesprochen haben. Braucht es die eigentlich für diesen Text? Der Teil zu KI trifft ja auch ein Unwohlsein, das viele Menschen haben, die nicht erst theologisch an die Prinzipien herangeführt werden müssen. Erschließt sich der zentrale Teil zu KI und Waffensystemen nicht auch ohne Theologie?

 

Hoff: Ganz im Gegenteil, würde ich sagen. Der letzte Teil über militärische Fragen ist relativ unproblematisch. Aber es gibt einerseits eine klare methodische Trennung: Jede Wissenschaft hat ihre eigenen Regeln, die zu respektieren sind. Es gibt auch eigenständige Trennungen von Kirche und Staat. Aber im Unterschied zu amerikanischen Integralisten und zur deutschen Theologie, die stark in der kantischen Tradition steht, gibt es hier keine Anthropologie, die Natur und Gnade, Glaube und Wissen voneinander trennt.

Der Text ist gewissermaßen eine Antithese zum Jürgen-Habermas-Narrativ, dass die Trennung von Glaube der Schlüssel zur Lösung aller Menschheitsprobleme sei. Das Gegenteil ist der Fall. Wir brauchen einen integralen Humanismus, um eine ganzheitliche, holistische Anthropologie zu entwickeln. Da kann die spirituelle Weisheit des Herzens, das weisheitliche Denken, nicht herausgenommen werden.

 

Filipovic: Ich höre oft die Frage: Gehört Sozialethik zur Theologie? Ist das überhaupt Theologie? Mein Satz dazu ist: Gerechtigkeit ist der politische Name Gottes. Wenn wir über Gerechtigkeit reden, reden wir über Gott. Damit hat das eine theologische Dimension. Dieses Eintreten für eine bessere, menschenwürdigere und gerechtere Welt ist ein ureigenstes Anliegen christlicher Theologie.

 

Bildung: Eine Schlüsselfrage der Zukunft

 

Jetzt als Ausblick zum Schluss: Was würden Sie, wenn Sie Berater des Heiligen Vaters wären, ihm raten? Was könnte aus diesem Schreiben sinnvollerweise folgen? Ein besonderes Gremium zur KI? Was wären Ratschläge, die Sie ihm mitgeben würden?

 

Hoff: Ich war im Kontext der Vorbereitung der Enzyklika mit einigen im Vatikan im Gespräch und hatte vor allem ein Problemfeld im Blick, das aus technikphilosophischer Sicht grundlegend ist: In den päpstlichen Enzykliken von Papst Franziskus herrschte ein sehr instrumentales Technikverständnis vor, nach dem Motto: Technik ist ein Tool. Da gibt es Entwicklungsbedarf. Ich hatte aber den Eindruck, dass Leo vermeidet, dieses simple instrumentale Technikverständnis noch einmal aufzugreifen. Es gibt ein paar interessante Formulierungen: Technik sind nicht nur Werkzeuge, sie bestimmen unsere Verhaltensweisen, unsere Beziehungen und unsere Strukturen. Da muss die Diskussion weitergehen.

 

Filipovic: Zusätzlich gibt es ja bereits ein dikasterienübergreifendes Gremium im Vatikan, was wahrscheinlich eine gute Idee ist. Ich glaube auch, dass im Bereich theologischer Bildung und überhaupt in den Bildungseinrichtungen der katholischen Kirche noch viel zu tun ist. Das wäre ein gutes Entwicklungsfeld. Leo sagt selbst, dass wir an die Bildung heranmüssen – nicht als Großproblemlöser, sondern als ein Bereich. Ich würde dort investieren: in Schulen, Universitäten und alle Bildungseinrichtungen im Raum der katholischen Kirche. Dort muss man nicht nur verantwortungsvoll mit KI-Tools umgehen lernen, sondern auch neu fragen, was den Menschen heute ausmacht.

 

Hoff: Da ist auch schon einiges in Gang. Das Dikasterium für Kultur und Bildung hat eine Digitalisierungskommission ins Leben gerufen. Die hat zu künstlicher Intelligenz und Agency gearbeitet und arbeitet jetzt an einem Textbuch zur Bildung, das sicherlich in diese Diskussion einfließen wird.

 

Investieren in Bildung, investieren in Universitäten – das trifft auch einen Nerv der aktuellen Budgetverhandlungen in Österreich, wo die Unis evt. durch Einsparungen durch die Finger schauen werden. Aber der erste Appell gilt jetzt erst einmal der Rezeption dieser Enzyklika, sprich: dieses Werk mal zu lesen. Man kann sagen: Er liest sich gut, relativ leicht und flüssig. Also eine herzliche Einladung an alle, sich dem zu widmen und sich damit zu befassen. Wenn auch Ihnen dieser Podcast gefallen hat, empfehlen Sie uns gerne weiter und schauen Sie auf unserer Webseite nach, wo Sie auch die anderen Folgen finden, nachhören und nachlesen können: https://diesseits.theopodcast.at.

 

 

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