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Warum lohnt es sich, die "Regensburger Rede" von Benedikt XVI. auch nach 20 Jahren noch zu lesen, Jan-Heiner Tück?

 

Am 12. September 2006 hat Papst Benedikt XVI. mit einer Vorlesung an der Universität Regensburg einen interreligiösen Eklat und Proteste von Muslimen in aller Welt ausgelöst. Dabei zielte der Vortrag eigentlich auf das Thema Glaube und Vernunft. Warum es sich auch 20 Jahre nach der "Regensburger Rede" lohnt, sie zur Hand zu nehmen, erklärt der Wiener Dogmatik-Professor Jan-Heiner Tück.

 

Benedikt XVI. am 12. September 2006 an der Universität Regensburg

Foto: Bistum Regensburg

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Podcast vom 10. September 2026 | Transkript gekürzt | Gestaltung: Henning Klingen*

 

Eigentlich hätte es ein Heimspiel werden sollen. Im September 2006 besuchte Benedikt XVI. die Stätten seiner Kindheit und Jugend in Bayern. Dass ausgerechnet diese Reise und ein Vortrag an der Universität Regensburg einen weltweiten Eklat auslösen würden, hätte wohl niemand gedacht. Die "Regensburger Rede" ging ins theologische kollektive Gedächtnis ein.

 

Warum das so war und inwiefern die Rede auch heute noch lesenswert ist, darum geht es heute bei Diesseits von Eden, dem Podcast der theologischen Fakultäten in Österreich und Südtirol. Mein Name ist Henning Klingen und ich spreche mit Jan-Heiner Tück, Dogmatik-Professor an der Uni Wien und Kenner der Theologie Ratzingers.

 

Herr Prof. Tück, wie erinnern Sie sich an die Reise und die Rede am 12. September 2006?

 

Tück: Ich erinnere mich, dass das eigentliche Thema, die Synthese von Glaube und Vernunft, sofort durch das unglückliche Islamzitat überlagert wurde. Es konnte so gelesen werden, als habe sich Benedikt die Position Kaiser Manuels II. Palaeologos gegenüber einem persischen Dialogpartner zu eigen gemacht: Ein Gott, der nicht vernunftkompatibel ist, sei gewaltanfällig. Vor dem Hintergrund der Terroranschläge vom 11. September und des Kriegs gegen den Terror war das natürlich Sprengstoff. Es trug in der islamischen Welt zu Empörungswellen bei und überlagerte das eigentliche Thema der Rede völlig.

 

Die Empörung ließ zunächst ein, zwei Tage auf sich warten. Erst gab es eher gediegenes Interesse und Applaus. Was ist dann passiert, und worin lag das Empörungspotenzial? Hören wir zunächst in die entsprechende Passage hinein.

 

Benedikt XVI.: In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (Kontroverse) kommt der Kaiser auf das Thema des Djihād, des heiligen Krieges zu sprechen. Der Kaiser wusste sicher, dass in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen - es ist wohl eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns die Kenner sagen, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten - später entstandenen - Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von "Schriftbesitzern" und "Ungläubigen" einzulassen, wirft er seinem Gesprächspartner gegenüber mit einer für uns und für mich persönlich inhaltlich wie der Form nach absolut inakzeptablen Formulierung das Problem von Religion und Gewalt auf. Er sagt: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten". Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. "Gott hat kein Gefallen am Blut", sagt er, "und nicht vernunftgemäß, nicht 'σύν λόγω' zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider".

 

Tück: Das Zitat weckte den Eindruck, der Papst habe dem Islam insgesamt eine gewaltträchtige Einstellung zugeschrieben. Benedikt hat später klargestellt, dass er das Zitat nur verwenden wollte, um die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft einzuleiten. Das ist ihm missglückt; er hätte stärker historisch kontextualisieren und Distanzsignale setzen sollen. Einen Monat später reagierten 38 islamische Gelehrte. Sie anerkannten erstens, dass Benedikt sich die Position des mittelalterlichen Kaisers nicht zu eigen gemacht hatte. Zweitens wiesen sie entschieden zurück, dass die islamische Gottesvorstellung Allah von Vernunftkonzepten abkopple und so Vernunftwidriges oder Gewaltträchtiges legitimiert werden könne. Drittens baten sie um einen konstruktiven Dialog. Langfristig entstand aus diesem Brief eine islamisch-katholische Dialoggruppe, die bis heute fruchtbar arbeitet.

 

Man muss sich die damalige Situation vor Augen führen: Die Rede fiel fast auf den fünften Jahrestag der Anschläge vom 11. September in New York. Es folgten die Anschläge in Madrid und London. Osama bin Laden und Al-Qaida standen für eine neue Weltunordnung und ein großes Angstpotenzial. Religion wurde plötzlich wieder zu einem brandgefährlichen Thema. Sprach Benedikt mit dem Zitat vielleicht etwas aus, was viele Menschen damals empfanden – dass es im Islam einen dunklen Fleck gebe, der aufzuklären sei? Ist dieser heute ausreichend beleuchtet?

 

Tück: Es wäre realitätsblind zu sagen, dass es in manchen Strömungen des Islam dieses ungeklärte Verhältnis zu religiös legitimierter Gewalt nicht mehr gibt. Damals hatten auch die Thesen von Jan Assmann Konjunktur, die dem Monotheismus aufgrund seines Wahrheitsanspruchs ein Intoleranzproblem bescheinigten. Benedikt hält dagegen, dass es für die christliche Tradition konstitutiv ist, den Gottesgedanken mit dem Logos-Motiv zu verbinden. Diese Verbindung darf nicht aufgekündigt werden, weil in Bezug auf Vernunft auch ein Domestizierungspotenzial gegenüber gewaltträchtigen Gottesinterpretationen steckt. Die Debatte wird bis heute geführt. Wir erleben zwar nicht dieselbe Reihe spektakulärer Anschläge wie damals, aber der Jihadismus bleibt eine Problematik.

 

Prof. Jan-Heiner Tück

Prof. Jan-Heiner Tück
 

 

Bei "Diesseits von Eden" ist auch die evangelische Theologie mit an Bord. Die Rede ist ja nicht nur katholisch zu hören, gerade beim Verhältnis von Religion und Vernunft. Gab es damals auch evangelische Stimmen und Stellungnahmen?

 

Tück: Zunächst wurde auch das fehlerhafte Kant-Zitat kritisiert. Kurt Flasch hat den Papst-Professor, der angeblich nicht einmal die Kritik der reinen Vernunft ordentlich gelesen habe, mit einiger Schärfe angegriffen. Es gab aber auch evangelische Kommentatoren, die das eigentliche Anliegen der Rede aufnahmen: die Frage, inwiefern der christliche Glaube in Kategorien der griechischen Vernunft ausbuchstabiert wurde, ob das konstitutiv ist und ob Benedikts Diagnose trägt, diese Verbindung sei durch Luther und vor allem Harnack problematisiert oder aufgelöst worden.

 

Damit sind wir beim eigentlichen Thema der Rede: dem Verhältnis von Glaube und Vernunft und damit auch der Präsenz der Theologie an der Universität. Dass Glaube und Vernunft untrennbar verbunden sein müssen, ist ein Leib- und Magenthema Benedikts. Warum ist ihm das so wichtig? Auch der Dialog mit Jürgen Habermas kreiste um diese Frage.

 

Tück: Benedikt hat in den kontextuellen Theologien der Gegenwart eine metaphysikkritische Tendenz gesehen, die die altkirchlichen Konzilien relativiert. Dagegen erinnert er daran, dass die Ausbuchstabierung von Christologie und Trinitätstheologie in den Konzilien für alle weiteren Inkulturationen des Christentums konstitutiv ist. Asiatische, afrikanische oder lateinamerikanische Theologien können diese Tradition unterschiedlich interpretieren, sie aber nicht einfach als hellenistische Verfälschung hinter sich lassen, um ein vermeintlich reines Evangelium freizulegen. Marksteine wie Nicäa, Chalcedon oder Konstantinopel sind für die Identität des christlichen Glaubens wichtig. Man kann diese Weichenstellungen unterschiedlich interpretieren, sie aber nicht als bloße Verfälschung behandeln, hinter die man zurückgehen müsse. Gerade darin liegt für Benedikt das zentrale Anliegen der akademischen Vorlesung. Die Regensburger Vorlesung problematisiert deshalb drei Wellen der Enthellenisierung, verbunden mit Duns Scotus und dem Voluntarismus, Luther, Harnack und schließlich den kontextuellen Theologien. Gerade hier setzt auch die Debatte mit der evangelischen Theologie an. Das Tübinger Institut für Rhetorik würdigte die Rede als beste Rede des Jahres, weil Benedikt in rund 40 Minuten klare, debattierbare Thesen formuliert hatte. Seine großen Reden wurden regelmäßig zu Ereignissen, die auch in den Feuilletons diskutiert wurden.

 

Was meint diese Enthellenisierung genauer? Was ist aus Benedikts Sicht problematisch daran, sich im Sinne von sola scriptura oder ad fontes von philosophischen und hellenistischen Prägungen lösen zu wollen, um zu einem vermeintlich reinen Kern zurückzukehren?

 

Tück: Das ad fontes, die Rückkehr zu den Quellen, würde Benedikt ausdrücklich befürworten. Er ist selbst ein Theologe des Ressourcements, der Neuerschließung von Bibel, Liturgie und patristischer Tradition. Problematisch ist für ihn die Vorstellung, man könne dogmatische Übermalungen abtragen und im 21. Jahrhundert einen vermeintlich reinen Kern oder die ipsissima verba Jesu freischälen. Man hat den Kern nicht ohne Schalen; ein solcher Zugang wäre unhistorisch. Benedikt setzt zunächst beim spätmittelalterlichen Voluntarismus an. Bei Duns Scotus sieht er eine so starke Betonung des Willens Gottes, dass Gott im Zweifel auch entgegen unserer Vernunft handeln könne. Die Duns-Scotus-Forschung hält diese Sicht allerdings für einseitig und betont, dass auch bei Scotus die Vernunftgeleitetheit mitgedacht wird. Deshalb könne man aus dem Primat des Willens nicht ableiten, dass irrationale oder gar gewaltträchtige Vorgänge ohne Weiteres mit Gott in Verbindung gebracht werden dürften. Danach richtet sich Benedikts Kritik auf Luther. Dessen Polemik gegen die „Hure Vernunft“ und den „ranzigen Aristoteles“ muss historisch eingeordnet werden: Luther reagierte auf eine spätscholastische Disputationskunst, in der der lebenspraktische Impuls des Evangeliums unter Begriffskaskaden zu verschwinden drohte. Sein Impuls zurück zur Heiligen Schrift hatte traditions-, autoritäts- und papstkritische Folgen. Ratzinger sieht hier eine Vernunft- und Metaphysikskepsis, auch wenn Lutherforscher zu Recht darauf hinweisen, dass Luther die altkirchlichen Konzilien anerkannte. Das ist auch aus ökumenischen Gründen wichtig: Benedikts Diagnose markiert ein Problem, darf Luther aber nicht auf eine pauschale Vernunftfeindschaft reduzieren. Noch wichtiger ist für Benedikt die zweite Enthellenisierungswelle bei Adolf von Harnack. Vereinfacht gesagt unterscheidet Harnack zwischen dem einfachen Evangelium Jesu und seiner späteren dogmatischen Ausformung in den Begriffen griechischer Philosophie. Die Aufnahme des Sohnes in den Gottesbegriff erscheint dann als Ergebnis altkirchlicher Konzilien. Harnacks Projekt will hinter diese vermeintlich hellenistische Verfälschung zurückgehen. Ratzinger widerspricht: Nicht die Hellenisierung, sondern die Enthellenisierung sei das Problem, weil die Inkulturation des Evangeliums in den hellenistischen Kulturraum wichtige Einsichten für das Verständnis des Glaubens hervorgebracht habe. Wenn Nicäa Vater und Sohn als gleichwesentlich bezeichnet, ist homoousios zwar ein griechisch-philosophischer Begriff, er verfälscht den Glauben aber nicht, sondern bringt zum Ausdruck, dass Jesus in den Gottesbegriff selbst hineingehört. Ratzinger sieht das im Evangelium angelegt: Jesus vergibt Sünden, übertritt den Sabbat und beansprucht damit eine Stellung, die über die eines Schriftgelehrten hinausgeht. Nach Ostern wird dieser Anspruch in den neutestamentlichen Bekenntnisaussagen auch poetisch und doxologisch entfaltet. Für die Gegenwart folgt daraus: Eine zeitgemäße Theologie muss traditionssensibel sein und diese Marksteine interpretierend aufnehmen. Sie kann nicht allein mit historisch-kritischer Exegese einen vermeintlich direkten Zugang zu Jesus beanspruchen. Auch die so gewonnenen Jesus-Bilder spiegeln weltanschauliche Voraussetzungen der jeweiligen Gelehrten. Der Glaube der Kirche und die geschichtliche Tradierung setzen deshalb einen Maßstab, der berücksichtigt werden muss.

 

Die Rede ist nun 20 Jahre alt, und eng mit ihr verbunden ist die Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas. Die Argumente sind auf beiden Seiten weitgehend ausgetauscht. Wo steht diese Debatte heute? Haben sich säkulare Vernunft und Theologie voneinander entfernt, oder gibt es weiterhin Möglichkeiten einer wechselseitigen Annäherung?

 

Tück: In der theologischen Aneignung Ratzingers gibt es mitunter die Tendenz, ihn selbst scholastisch einzuhegen und dabei seine Weite zu übersehen. Er hat bewusst Gesprächspartner gesucht, die anders dachten, um die Tragfähigkeit der eigenen Position zu prüfen. Zum Assisi-Gespräch lud er etwa die agnostische postmoderne Philosophin Julia Kristeva ein. Ihn interessierte, warum Agnostiker das Angebot des Glaubens ausschlagen. Dieses Interesse für das Denken der anderen bleibt eine Aufgabe der Theologie. Ratzinger wollte sich also nicht nur bestätigen lassen, sondern auch erfahren, wo seine Argumente nicht tragen oder nachgebessert werden müssen. Umgekehrt hat Habermas als betont religiös unmusikalischer Intellektueller mögliche Entgleisungen säkularer Vernunft, etwa in biotechnischen Zusammenhängen, markiert. Daraus ergeben sich Allianzpotenziale zwischen einem aufgeklärten Glauben und einer Vernunft, die für semantische Potenziale der Religion offen bleibt. In religiösen Traditionen können Momente stecken, die Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden fördern. Gerade in einer polarisierten und fragmentierten Welt ist es wichtig, solche Allianzen zu suchen: weder säkularistische Abschottung noch defensiv-apologetische Einmauerung des Glaubens, sondern eine Schleifung der Bastionen auf beiden Seiten.

 

Zum Schluss noch einmal der Brückenschlag zum Thema Islam und Gewalt. Damals prägte der "War on terror" die Debatte, heute erleben wir eher einen Kulturkampf und eine politische Vereinnahmung des Themas Islam. Teilweise wird der politische Islam pauschal als Gefahr markiert und das Christentum als positives Gegenbild instrumentalisiert. Nach der Regensburger Rede hat die Kontroverse langfristig auch dem Dialog gutgetan. Braucht es heute wieder einen solidarischen theologischen oder symbolisch-religiösen Schulterschluss?

 

Tück: An der Theologischen Fakultät in Wien gibt es institutionell einen solchen Schulterschluss durch die Kooperation mit islamischen Kollegen, die eine reflexive Haltung zu ihren Traditionen einnehmen. Ebenso muss die christliche Tradition ihre eigenen Hypotheken eingestehen; Johannes Paul II. hat im Jahr 2000 mit den großen Vergebungsbitten ein wichtiges Zeichen gesetzt. Solche Selbstkritik verhindert die schablonenhafte Gegenüberstellung „Christentum gut, Islam böse“. Zugleich ist zu berücksichtigen, dass es den Islam nur in pluralen Ausformungen gibt; auch deshalb sind pauschale Zuschreibungen theologisch und politisch problematisch. Zugleich darf man die Erwartungen an theologische Gespräche nicht überfordern. Für die Stellung des Islam spielen politische, historische und koloniale Faktoren ebenso eine Rolle wie religiöse. Im Spektrum des heutigen Islam gibt es problematische Tendenzen, die die liberale demokratische Rechtsordnung im Sinne eines Scharia-Islam aushöhlen wollen. Hier ist politische Wachsamkeit wichtig. Mit Generalverdacht zu operieren und den Islam generell als politischen Islam zu bezeichnen, ist jedoch kontraproduktiv. Für ein friedliches Zusammenleben in einer religiös pluralen Gesellschaft bleibt die Differenzierung des Feldes entscheidend. Die Synthese von Glaube und Vernunft ist dafür aus meiner Sicht weiterhin eine hilfreiche Generalformel.

 

Damit ist vielleicht auch eine Lektüreempfehlung ausgesprochen: die Regensburger Vorlesung über Glaube und Vernunft noch einmal zur Hand zu nehmen und auch die Debatten danach nachzuvollziehen. Das lohnt sich auch 20 Jahre später. Gerade deshalb bleibt die Rede ein Dokument, an dem sich die theologischen Spannungen ihrer Zeit bis heute so ablesen lassen. Vielen Dank fürs Zuhören sagt Henning Klingen.

 

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