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Als Theologe Philosoph, als Philosoph Theologe: Warum es sich lohnt, Paul Tillich zu lesen

 

Er gehört zu den heute unbekanntesten und doch zugleich theologiegeschichtlich einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts: der protestantische Theologe und Philosoph Paul Tillich. Ein Gespräch mit dem Wiener Theologen Christian Danz und dem Trierer Philosophen und Tillich-Experten Werner Schüßler aus Anlass der erstmaligen Edition von Tillichs Harvard-Lectures über Religion und Kultur.

 

Als Theologe Philosoph, als Philosoph Theologe: Warum es sich lohnt, Paul Tillich zu lesen

Foto: Evangelisch-Theol. Fakultät der Uni Wien

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Podcast vom 20. März 2026 | Transkript gekürzt | Gestaltung: Henning Klingen*

 

Es gibt Gelehrte, Intellektuelle, Theologinnen und Theologen, bei denen das Werk im Vordergrund steht, bei denen die Biografie eher zurücktritt. Der zuletzt verstorbene Philosoph Jürgen Habermas ist ein Beispiel dafür. Manchmal erlebt man es aber auch, dass Biografie und Werk eng verwoben sind. Dietrich Bonhoeffer ist aus evangelischer Sicht so ein Fall: Widerstandskämpfer und Theologe.

 

Und zweifellos gilt das auch für den Theologen und Philosophen, über den wir heute sprechen wollen: Paul Tillich. Geboren 1886 im heutigen Polen und gestorben 1965, vor knapp 60 Jahren, in Chicago. Dass wir uns mit diesem heute in der breiteren theologischen Rezeption eher vergessenen Denker befassen, hat unter anderem damit zu tun, dass hier in Wien in diesen Tagen ein Workshop über Paul Tillich an der evangelisch-theologischen Fakultät stattfindet.

 

Mein Name ist Henning Klingen, und ich freue mich auf den Austausch über Paul Tillich und darüber, was er uns heute als Theologe und Philosoph eigentlich noch sagen kann, gemeinsam mit Prof. Christian Danz - evangelischer Theologe hier an der Fakultät und Initiator des Workshops; und ich begrüße auch einen der Referenten, den emeritierten Trierer Philosophen und Theologen und Tillich-Experten Werner Schüssler. Was diese beiden außerdem noch prädestiniert, Paul Tillich für Ohren von heute wieder aufzupolieren, ist die Tatsache, dass sie beide das Vorsitzteam der in Wien angesiedelten Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft bilden.

 

Herr Schüssler, ich habe schon gesagt: der Theologe und Philosoph Tillich. Was war er denn eigentlich? Mehr Theologe oder mehr Philosoph?

 

Werner Schüssler: Wenn man seine Werke anschaut, würde man sagen, er war natürlich mehr Theologe. Aber er hat sich schon sehr früh darüber Gedanken gemacht: Soll ich Philosoph oder Theologe werden? Da gibt es einen Briefwechsel mit seinem Vater. Biografisch sieht man, dass er in Deutschland keinen theologischen Lehrstuhl hatte, sondern 1929 Professor für Philosophie und Soziologie in Frankfurt wurde, bevor er 1933 emigrierte. In Amerika bekam er dann einen Lehrstuhl für Philosophie und Theologie. Das Schwierige beim Werk ist, dass man sich immer fragen muss: Spricht hier der Theologe oder der Philosoph? Das kann im selben Abschnitt wechseln. Theologie und Philosophie schwingen bei ihm immer zusammen.

 

Herr Danz, was muss man von Tillich und seiner Zeit wissen, um ihn zu verstehen?

 

Christian Danz: Bei Tillich sind Leben und Werk sehr eng verbunden. Er hat mehrere Umbrüche erlebt: das Deutsche Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg als Feldprediger, die Novemberrevolution, die Weimarer Republik und schließlich die nationalsozialistische Machtübernahme, die ihn als einen der ersten nichtjüdischen Hochschullehrer ins Exil brachte. Für die protestantische Theologie war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entscheidend, weil damals mit der dialektischen Theologie ein grundlegender Umbruch stattfand. Tillich stand dazu in Nähe, aber auch in Distanz, etwa zu Karl Barth. Oft wurde das als Gegensatz erzählt: hier der Kulturtheologe Tillich, dort der Offenbarungstheologe Barth. Aus heutiger Sicht sieht man aber, dass beide von der Offenbarung Gottes ausgehen. Der Unterschied liegt darin, dass Tillich von einer allgemeinen Offenbarung Gottes in Kultur und Natur ausgehen will, während Barth das zurückweist. Dieser Hintergrund ist für das Verständnis Tillichs sehr wichtig, auch für sein späteres Werk in den USA.

 

Christian Danz

Prof. Christian Danz

 

Herr Schüssler, was sagt denn der Philosoph in Paul Tillich dazu?

 

Schüssler: Der frühe Tillich orientiert sich stark am deutschen Idealismus, vor allem an Schelling und Kant. Spätestens Ende der 1920er Jahre rezipiert er dann die moderne philosophische Anthropologie und die Existenzphilosophie. Im Übergang nach Amerika entwickelt er dann eine recht eigenständige Philosophie. Ich halte Tillich für den einzigen Theologen des 20. Jahrhunderts, der für sein theologisches Denken eine eigenständige Philosophie entwickelt hat: eine Existenzialontologie und eine Philosophie des Lebens.

 

Tillich war in Frankfurt Soziologieprofessor, zeitgleich mit dem Institut für Sozialforschung. Gab es Berührungspunkte zur Frankfurter Schule?

 

Danz: Ja, Tillich gehört in die Gründungsphase der Frankfurter Schule hinein. Ohne Tillich keine Frankfurter Schule. Horkheimer hätte ohne ihn keine Professur in Frankfurt bekommen, und Adorno war Tillichs Assistent. Auch im Exil in Amerika haben sie zusammengearbeitet. Tillich gehört sogar in die Entstehungsgeschichte der Dialektik der Aufklärung. Trotzdem liegen inhaltlich betrachtet Welten zwischen ihnen. Bei Tillich rückt in den 1920er Jahren eine Anthropologie in den Mittelpunkt, und genau das wollten Horkheimer und Adorno nicht. Sie warfen ihm Metaphysik vor. Zugleich gibt es aber Berührungspunkte: Tillich war ein linker Denker des religiösen Sozialismus, das Institut für Sozialforschung marxistisch geprägt. Beide arbeiteten an der Deutung der Moderne und ihrer Krisen – nur mit unterschiedlichen Mitteln.

 

Genau vor 100 Jahren ist von Tillich "Die religiöse Lage der Gegenwart" erschienen. Wie hat er diese religiöse Lage beschrieben?

 

Schüssler: Dem Werk liegt seine Theologie der Kultur zugrunde. Tillich sucht in allen Formen der Kultur nachzuweisen, dass dort ein religiöses Moment wirksam ist – in Kunst, Recht, Politik und Wissenschaft. Dafür wurde er kritisiert: Er habe der Kultur das religiöse Moment übergestülpt. Später formuliert er das in den Harvard-Vorlesungen so: Religion ist die Substanz der Kultur und Kultur die Form der Religion. Wenn man das mit seiner Definition des Glaubens zusammendenkt – Glaube ist der Zustand letztgültigen oder unbedingten Ergriffenseins –, dann heißt das: Jeder Mensch setzt etwas an die Stelle des Absoluten. Darin liegt die anhaltende Aktualität seines Ansatzes.

 

Was macht Tillich zu einem dezidiert protestantischen Theologen?

 

Danz: Vor allem, dass Tillich ein Denker von der Rechtfertigungslehre her ist. Das Paradox, dass der Sünder zugleich gerecht und ungerecht ist und unter göttlichem Nein und Ja steht, überträgt Tillich auf sein Religionsverständnis. Diese Unbedingtheitsbeziehung ist immer zugleich gebrochen. Das rückt er in das Zentrum seines Denkens. Er entwickelt daraus eine eigenständige Lutherdeutung und spricht statt von Rechtfertigung oft vom Paradox. Entscheidend ist: Er will die Kultur in dieses Rechtfertigungsgeschehen einbeziehen. Schon früh versteht er Rechtfertigung nicht nur individualistisch, sondern kosmologisch – die ganze Welt ist von Gott verneint und bejaht.

 

Kommen wir noch zu Ihrem Workshop hier in Wien. Er widmet sich der Vorlesungsreihe über Religion und Kultur, die Tillich Mitte der 1950er Jahre in Harvard gehalten hat. Warum ist diese Reihe so interessant?

 

Danz: Diese Vorlesungen sind insofern einzigartig, als sie Tillichs späte Kulturtheologie in einer Breite darstellen, wie wir sie sonst nicht haben. Bisher waren sie nicht bekannt; wir haben eine Nachschrift im Archiv der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft. Dort führt Tillich seine Grundformel – religion is the substance of culture, culture is the form of religion – im Detail aus. Vor Hörern aller Fakultäten versucht er zu zeigen, dass der gesamten säkularen Kultur Religion zugrunde liegt. Das geschieht vor dem Hintergrund der McCarthy-Ära und einer amerikanischen Gesellschaft, die sich grundlegend von Europa unterscheidet. Für Tillich war das auch deshalb schwierig, weil er religiöser Sozialist war und in Amerika vieles fehlte, was seine europäische Erfahrung geprägt hatte. Umso wichtiger ist diese Vorlesung als späte Gesamtdarstellung seines Verständnisses von Kultur und Religion.

 

Werner SchüsslerSchüssler: Tillich hatte in den Zwanzigerjahren viel über Theologie der Kultur geschrieben. In Amerika musste er dann andere Fächer unterrichten und hatte dafür lange keine Zeit. Erst 1955 in Harvard greift er das wieder auf. Besonders wichtig sind dabei zwei Themen: die Kunst und die Tiefenpsychologie. In den Vorlesungen arbeitet er mit Bildprojektionen und entwickelt seine Theologie der Kunst, in der vor allem das expressive Moment das Religiöse transparent macht. Außerdem kommt er wieder stark mit Psychologen ins Gespräch, etwa mit Rollo May. Kunst und Tiefenpsychologie gewinnen für ihn in dieser Phase besonderes Gewicht.

 

Danz: Diese Vorlesung, die wir hier editieren, wird Open Access zugänglich sein. Spätestens Ende des Jahres wird man sie frei lesen können – inklusive der Bilder, auf die Tillich sich bezieht.

 

Wie würde Tillich heute auf das Zueinander von Religion und Kultur in Formen konservativer Verschärfung etwa in den USA blicken?

 

Danz: Tillich würde das, glaube ich, als Missbrauch der Religion kritisieren, als Heteronomisierung und Dämonisierung. Er unterscheidet zwischen heteronomer und autonomer Religion. Die Vereinnahmung von Religion für nationale Interessen würde er sicher als problematisch deuten. Solche Tendenzen kannte er ja bereits aus den 40er Jahren in Amerika, etwa im Isolationismus des "America first".

 

Abschließend: Welche drei Erkenntnisse machen Tillich bis heute aktuell und lesenswert für Studierende?

 

Danz: Tillich ist einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts und für die Entwicklung der protestantischen Theologie von erheblicher Bedeutung. Sein Universalismus wurde in der deutschen Theologie stark rezipiert, etwa bei Pannenberg und Moltmann. Und sein dritter wichtiger Punkt ist die Kulturtheologie: dass er Religion und Theologie von vornherein im Kontext der Kultur thematisiert.

 

Schüssler: Ich würde erstens seine Definition von Religion oder Glauben nennen: Religion ist das, was uns unbedingt oder letztgültig angeht. Zweitens seinen Korrelationsbegriff und den Symbolbegriff, die gerade auch in der katholischen Theologie stark rezipiert wurden. Und drittens seine Überlegungen zu einem Dialog zwischen den Religionen.

 

Herzlichen Dank Werner Schüssler und Christian Danz für das Gespräch. Wenn auch Ihnen diese Folge gefallen hat, dann empfehlen Sie uns gerne weiter. Und alle weiteren Folgen gibt es wie immer auch im Transkript zum Nachlesen und Nachhören unter https://diesseits.theopodcast.at.

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