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Pessach & Ostern: Wie steht es um den christlich-jüdischen Dialog in Österreich?

 

Am 5. April feiern Christen heuer ihr höchstes Fest: Ostern. Zeitgleich feiern Jüdinnen und Juden vom 1. bis 9. April das Pessachfest. Wie beide Feste zusammenhängen und wie es um den christlich-jüdischen Dialog bestellt ist, erklären der Wiener Oberrabbiner Jaron Engelmayer, die Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Regina Polak, und der Linzer katholische Bischof Manfred Scheuer. 

 

Pessach-Mahl

Foto: Israelitische Kultusgemeinde

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Podcast vom 29. März 2026 | Transkript gekürzt | Gestaltung: Henning Klingen*

 

Für Christinnen und Christen beginnt in diesen Tagen die wichtigste Zeit des Jahres, des Kirchenjahres. Denn wir stehen am Beginn der Karwoche, der Heiligen Woche, in der sich der christliche Glaube an Jesus als "christos", als Gesalbter, verdichtet. Umspannt wird diese Zeit zwischen Palmsonntag und Ostersonntag von dem Narrativ des Leidens, Sterbens und schließlich der Auferstehung Jesu.

 

Fast zeitgleich hört man heuer aber auch einen anderen Gruß: "Chag sameach!" – auch ein Gruß der Freude. Ein Gruß zum jüdischen Pessach, das heuer am 1. April beginnt und bis zum 9. April dauert. Wir wollen das bei Diesseits von Eden zum Anlass nehmen, einmal unseren christlichen Blick zu weiten auf das, was Jüdinnen und Juden in Österreich und darüber hinaus an diesem Tag eigentlich feiern. Und wir wollen den Blick auch auf den jüdisch-christlichen Dialog lenken, die Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen und die Herausforderungen, die dieser Dialog mit sich bringt.

 

Mein Name ist Henning Klingen, und ich begrüße die Wiener Pastoraltheologin und Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Regina Polak. Dann den Wiener Oberrabbiner Jaron Engelmayer und, aus Linz zugeschaltet, den katholischen Bischof Manfred Scheuer, der bis zur letzten Vollversammlung der Bischöfe im März noch die Agenden des Kontakts der Kirche zum Judentum innehatte. Herzlich willkommen in die Runde.

 

Herr Oberrabbiner, ich hoffe, ich habe dieses "Chag Sameach" halbwegs korrekt ausgesprochen. Vielleicht steigen wir ganz praktisch ein. Was geschieht eigentlich in jüdischen Familien zu Pessach? Wie muss ich mir das vorstellen?

 

Jaron Engelmayer: Ja, das "Chag sameach" ist sehr gut ausgesprochen! Pessach beginnt eigentlich schon Wochen vorher, denn wir reinigen das ganze Haus und sorgen dafür, dass nichts Gesäuertes sich darin befindet. Das heißt, alle Getreideprodukte werden entweder aufgegessen, außer Haus geschafft oder sonst wie beseitigt. Sie dürfen sich nicht einmal in unserem Besitz befinden. Und an Pessach ist vor allem kulinarisch auch alles auf den Kopf gestellt. Wir dürfen von Getreideprodukten nur dasjenige verwenden, was zu Mazzot verarbeitet worden ist. Das heißt, ganz flache Knäckebrote, die nicht gesäuert sind, und die Derivate daraus und ansonsten Obst, Gemüse, Fleisch und manche Beilagen. Deswegen wird vor Pessach das ganze Haus auf den Kopf gestellt.

 

Und was passiert im jüdischen Gottesdienst zu Pessach?

 

Engelmayer: Die Gottesdienste sind wie an anderen Feiertagen, ähnlich wie an einem Schabbat an den Wochenenden. Wir haben etwas ausgedehntere Gebete mit Gesängen dazu, aber das Besondere spielt sich eigentlich in den Häusern ab, rund um den Sederabend. Das ist der Auftakt vom Pessachfest, das Zusammenfinden rund um den Tisch. Normalerweise gibt es dann die Feiertagsmahlzeiten, aber an Pessach gibt es eben auch einen ganzen Ablauf, eine Zeremonie, welche von 14 verschiedenen Stationen durchsetzt ist, die uns durch den Abend führen. Nur eine davon ist das Essen selber. Und rundherum gibt es verschiedene Bestandteile, die diesen Abend zu einem besonderen Abend mit einer besonderen Stimmung werden lassen. Und es dreht sich rund um den Auszug aus Ägypten, um die Befreiung aus der Sklaverei vor 3.300 Jahren.

 

Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Oberrabbiner Jaron Engelmayer

 

Warum ist genau die Erinnerung an die Erzählung vom Auszug aus Ägypten, vom Exodus, für die jüdische Identität so zentral? 

 

Engelmayer: Der Auszug aus Ägypten ist tatsächlich zentral, und deswegen wird er auch von ganz weiten Teilen des jüdischen Volkes gefeiert. Statistiken haben erhoben, dass 97 Prozent den Sederabend feiern, Pessach begehen, weit mehr als die Hälfte die Synagogen besuchen. Das ist ein wahnsinnig populäres Fest. Es geht hier um die Volkswerdung, den Auszug aus Ägypten, aber gleichzeitig auch um den Beginn eines Weges, auf dem wir uns immer noch unterwegs sehen. Es ging nicht nur darum, frei zu werden, aus Ägypten hinauszuziehen, ein eigenständiges Volk zu werden, sondern auch um eine Bestimmung. Und die kommt an diesem Abend zum Ausdruck. Wir haben die Bestimmung, zum Berg Sinai hin zu gelangen, die Lehre, die Tora zu erhalten und dann auch im Ausblick ins Land Israel weiterzuziehen und dort ein Heiligtum zu errichten. Das sind alles Bestandteile, die uns weiterhin begleiten und heute eine große Bedeutung haben. Darüber hinaus steht auch das Pessachfest für sehr starke globale Werte: Es geht um Gerechtigkeit, um die Seite des Unterdrückten, um Moral, um den Kampf um die Freiheit. Es geht also um Werte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und ihren Stellenwert nicht eingebüßt haben.

 

"Ein Grundkurs an der Seite des Volkes Israel"

 

Herr Bischof Scheuer, ich habe meine Moderation mit dem christlichen Osterfest begonnen. Woran erkennt man denn, dass Pessach und Ostern miteinander verknüpft sind?

 

Manfred Scheuer: Das christliche Osterfest, das Gedenken und Feiern von Jesu Tod und Auferstehung, steht nicht im luftleeren oder geschichtslosen Raum, sondern ist hineingenommen in das jüdische Volk, in die jüdische Geschichte und konkret auch in die Feier des jüdischen Pessach, rund um das Jesus gestorben ist. Insofern ist diese Tradition zum einen in das Abendmahl eingegangen, zum anderen auch in die Feier der christlichen Osternacht. Wenn ich die Liturgie der Osternacht betrachte, ist Pessach darin mit aufgenommen. Pessach war ja zum einen Naturfest, ein Erntefest im Frühjahr, zum anderen das Gedenken an die Herausführung aus Ägypten, die Befreiung von der Sklaverei, von der Knechtschaft - und beides ist zentral auch für die christliche Osternacht. Wir feiern, dass Gott der Schöpfer, der Freund des Lebens ist, dass Gott befreit, dass Gott da ist. Und wir feiern, dass Gott den Tod in Leben verwandelt. Das ist, glaube ich, etwas, was Judentum und Christentum zentral verbindet, nämlich das Gedenken. Gott ist der Gedenkende und wir gedenken des Handelns Gottes an uns. Letztlich ist Pessach und Ostern das zentrale Glaubensbekenntnis: Gott ist der Herr und Freund des Lebens auch über den Tod hinaus.

 

Und welche ganz praktischen Elemente gibt es, wenn ich in einem christlichen Gottesdienst in der Osternacht sitze, die mich an diese Verbindungen erinnern?

 

Scheuer: Die Lesungen von der Schöpfung dürfen nicht ausgelassen werden. Überhaupt gibt es da und dort in den christlichen Gemeinden die Sackgasse, dass man das Alte Testament abschneidet. Aber das ist eigentlich eine zentrale Häresie von Anfang an gewesen, die die Kirche als solche nie übernommen hat. Die Lesung aus der Schöpfung ist zentral. Und auch der Auszug aus Ägypten darf nicht ausgelassen werden. Das ist ein sehr strenges liturgisches Gebot. Diese Verbindung zum Gedenken Israels darf nicht gekippt werden.

 

Regina Polak, du bist ja nicht nur katholische Theologin, sondern auch langjährig im interreligiösen Dialog tätig und seit November letzten Jahres Präsidentin des Koordinierungsausschusses. Auf dessen Website sind die Grüße zum Pessachfest verknüpft mit Psalm 22. Da heißt es, dieser Psalm sei eine "gemeinsame biblische Grundlage" von Judentum und Christentum. Warum ist dieser Psalm heute dir und euch vom Koordinierungsausschuss besonders wichtig zu diesem Pessachfest?

 

Regina Polak: Wir feiern Pessach und Ostern in einer gesellschaftlich-globalpolitisch wirklich schwierigen Zeit. Und was dieser Psalm und dann besonders Pessach in Erinnerung ruft, ist, dass Bedrängnis und Befreiung und Klage und Hoffnung zusammengehören. Es sind beides Erinnerungsfeste, und Erinnern heißt in der jüdischen Tradition und in der christlichen Tradition immer auch Vergegenwärtigung. Wir haben in unserem Grußwort auch ein Zitat aus der Mischna hervorgehoben: In jeder Generation ist der Mensch verpflichtet, sich so zu betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen. Es geht hier also nicht nur um Erinnerung im Sinne eines Rückblicks, sondern dieser Rückblick soll uns bewusst machen, dass wir mit allem, was zum menschlichen Leben gehört - und dazu gehören auch Leiden und Klage, aber eben auch Hoffnung und Freude - von und in Gott getragen sind und Gott sich in der gesamten Geschichte immer wieder als der gezeigt hat, der befreit hat aus Bedrängnis, aus Not, aus Unterdrückung. Und deswegen darf diese Exodus-Erzählung auch in der Osternacht nicht weggelassen werden, so wie Herr Bischof Scheuer gesagt hat, weil das auch für Christen und Christinnen nicht nur eine Vorgeschichte ist, sondern höchst relevant. Wenn man die Osternacht korrekt feiert, haben wir eigentlich sieben alttestamentliche Lesungen. Man könnte das auch als eine Art "Grundkurs an der Seite des Volkes Israel" bezeichnen, wo wir hineingenommen werden in diese Geschichte der Offenbarung Gottes in der Geschichte. Und die Rettung und Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei ist für uns enorm bedeutsam. Wenn man sich die neutestamentlichen Texte anschaut, die unseren Osterfeiern zugrunde liegen, dann sieht man ja auch, dass der Tod Jesu zunächst aus der Pessach-Tradition herausgedeutet wurde. Die Trennung von Ostern erfolgte erst relativ spät mit dem Konzil von Nicäa 325. Die ersten christlichen Gemeinden haben das noch als jüdisches Fest, als Befreiungsfest, gefeiert. Die Befreiung von Sünde, von Tod, von den Mächten des Bösen und die Verheißung, dass Tod und das Böse nicht das letzte Wort haben werden und Liebe und Gerechtigkeit am Ende siegen – das können wir momentan ziemlich gut brauchen.

 

Herr Oberrabbiner, wir haben jetzt zwei christliche Stimmen gehört, die die Erinnerung an das Exodusgeschehen, also das, was Jüdinnen und Juden zu Pessach feiern, in das christliche Feiern von Ostern hineinnehmen. Empfinden Sie das aus jüdischer Sicht als übergriffig, als eine unzulässige christliche Aneignung eines zentralen jüdischen Identitätsmarkers?

 

Engelmayer: Nein, absolut nicht, es hat einfach eine unterschiedliche Bedeutung. Zuerst einmal ist sehr gut zu heißen, dass das Christentum sich auch auf die jüdischen Wurzeln besinnt. Das ist ein Weg, der in letzter Zeit begangen wird und der für uns sehr zu befürworten ist. Solange es nicht zu einer Vermischung führt. Wir verstehen das Pessach-Fest vor allem auch als ein nationales Fest, und da hat das Christentum eine ganz andere Deutung und Bedeutung für dieses Fest und feiert es auch mit anderen Akzentuierungen. Das ist gut so. Wir sollen ja nicht gleich sein oder versuchen, die Unterschiede zu vermischen. Aber dass wir gleiche Werte teilen und Grundzüge aufweisen, das ist bestimmt etwas, was gut zu heißen ist.

 

Polak: Ich glaube, es ist auch wichtig, dass man sich das jetzt als Christ oder Christin bewusst macht, weil die Ähnlichkeiten oder die Verbindungen, die wir heute sehen, alles andere als selbstverständlich sind. Gerade die Karwoche und insbesondere der Karfreitag waren auch vor dem Zweiten Vatikanum, aber auch im Mittelalter und in der Neuzeit für Juden und Jüdinnen in Europa alles andere als erfreulich. Da gab es Anweisungen im Mittelalter, dass die sich zu Hause verstecken mussten, weil am Karfreitag nach der Karfreitagsliturgie Christen und Christinnen ausgeschwärmt sind und Juden geschlagen und verfolgt haben. Also diese Sicht, die wir heute darauf haben, ist eigentlich neu und alles andere als selbstverständlich.

 

Scheuer: Ich denke, es ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass Christen das Erste Alte Testament nicht aus einer Perspektive der Überheblichkeit lesen, oder so, als wäre da etwas defizitär, sondern wir verstehen uns selber nur dann, wenn wir den Wahrheitsraum des Ersten Testaments betreten. Wir sind in dieser Hinsicht verwiesen auf das Zeugnis des Volkes Israel und auch auf den jüdischen Glauben. Ich denke schon, dass es hier um das zentrale Glaubensbekenntnis geht im Sinne von Exodus 3, nämlich: Gott ist der, der da ist, der für uns da ist, der rettet, und Gott ist der, der befreit. Das ist nicht einfach eine intellektuelle Sache, sondern die geschichtliche Erfahrung des Volkes Israel, die von Generation zu Generation weitererzählt wird. Gott selber, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott der Schöpfung und der Gott der Vollendung, ist gegenwärtig. Jeder soll sich so bedenken, als sei er selber aus Ägypten befreit worden.

 

Prof. Regina Polak

Prof. Regina Polak, Koordinierungsausschuss

 

"Reger Austausch, viel Interesse aneinander, viel Respekt voreinander"

 

Ich denke, das ist der Zeitpunkt, dass wir auf die Form der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit ganz praktisch blicken, die im Koordinierungsausschuss zusammenläuft. Worin zeigt sich diese Zusammenarbeit konkret?

 

Engelmayer: Es gibt eine sehr breite Palette von Zusammenarbeiten, ganz viele Foren und Plattformen, bei denen christlich-jüdische Zusammenarbeit auch in einem breiteren interreligiösen Kontext stattfindet. Es gibt einen regen Austausch, viel Interesse aneinander, viel Respekt voreinander, füreinander und auch vertrauensvolle Verhältnisse von vielen Religionsvertretern. Da ist auch die Bemühung da, das mehr in die Bevölkerung hineinzutragen, nach außen sichtbar zu machen. Das ist ganz wichtig, denn das ist ein Zeichen unserer Zeit, dass Religionen gut miteinander leben können und sich gegenseitig als Bereicherung verstanden fühlen sollen. Und im christlich-jüdischen Kontext, dass wir verschwisterte Religionen sind, sehr nah einander und dass wir die Unterschiede anerkennen können und sollen und gleichzeitig auch das Vereinende nicht aus den Augen verlieren und verstehen, dass wir uns gegenseitig bereichern können mit dem vertieften Verständnis füreinander.

 

Polak: Wenn ich jetzt von der Seite des Koordinierungsausschusses her denke, das ist ja auch ein Netzwerk an Initiativen, die es in Österreich gibt. Es gibt auch Lokalkomitees, die da sehr eigenständig arbeiten und unterschiedliche Initiativen setzen. Da gibt es viele Dialogveranstaltungen, Lernveranstaltungen, beispielsweise den Tag des Judentums, der mittlerweile vom Ökumenischen Rat der Kirchen Österreichs anerkannt und auf breiterer Ebene durchgeführt wird. Nächstes Jahr wird das ein Sonntag sein, wo wir uns wünschen, dass das in allen Gemeinden auch entsprechend wahrgenommen wird. Und dazu gehört immer auch ein Tag des Lernens, wo wir etwa in Wien Anfang Jänner mit einem jüdischen Referenten aus der jüdischen Tradition Texte lesen werden. Wir haben auch jüdische Vertreter und Vertreterinnen im Vorstand. Und es gibt zweimal im Jahr einen Jour fixe mit der Kultusgemeinde, wo wir zuhören, wenn es Schwierigkeiten gibt. Wir sehen uns auch verpflichtet, in Bezug auf den grassierenden Antisemitismus hier etwas zu tun. Da ist leider momentan viel zu tun. Der Koordinierungsausschuss wird 70 Jahre alt und da hat sich in den letzten Jahrzehnten eine wirklich gute Kooperation entwickelt.

 

Scheuer: Eine wichtige Aufgabe der Begegnung zwischen Juden und Christen ist in unserem Land auch die Gedenkkultur. Beim Tag des Judentums geht es ja auch darum, dass Christen den Antisemitismus in den eigenen Reihen, in der eigenen Geschichte erkennen und dass wir uns der Schuldgeschichte stellen, die damit verbunden ist, der Trauer und der Scham. In dem Zusammenhang gibt es, glaube ich, schon auch gemeinsame Veranstaltungen, Begegnungen, Erinnerungsorte, etwa zum 9. November zur Pogromnacht oder zum 27. Jänner zum Holocaustgedenken oder gerade in Oberösterreich zum Gedenken in Mauthausen und Gusen und die Befreiung aus den Konzentrationslagern. Dort hat das jüdische Gedenken einen zentralen Stellenwert. Und davon werden wir nie Abschied nehmen können. Das wird uns ständig begleiten.

 

Wir sind ja hier in einem Theologie-Podcast: Sind denn auch theologische Fragen und Anfragen Gegenstand dieses jüdisch-christlichen Dialogs? Also dass ich mich als Christin und Christ etwa theologisch irritieren lasse von dem, was Jüdinnen und Juden glauben? Spielen solche theologischen Fragen im Dialog eine Rolle?

 

Polak: Im Vorstand selber in dieser Weise nicht, weil es da einen großen wechselseitigen Respekt vor den Unterschieden gibt. Und die Frage des Jesus von Nazareth als der Christus ist etwas, das zu unserer christlichen Identität gehört, und das teilen Juden und Jüdinnen so nicht. Aber das ist bei uns kein Punkt der Auseinandersetzung. Was ich allerdings schon weiß, ist, dass sich durch den Dialog mit Juden und Jüdinnen natürlich auch innerchristlich oder innerkirchlich Fragen stellen, weil es ja darum geht, Jesus auch als Juden verstehen zu lernen, und das ist nicht nur eine historische, sondern auch eine theologische Aussage. Das ist dann für Menschen bei Bildungsveranstaltungen schon manchmal eine Herausforderung, und da entstehen solche Irritationen sehr wohl. Wir sehen das auch als eine Aufgabe für die nächsten Jahre, das innerkirchlich vertieft zu bearbeiten. Und das ist nicht nur eine intellektuelle Frage, es ist auch eine spirituelle Frage.

 

Engelmayer: Im interreligiösen Dialog gibt es meistens schon eine klare Grundlage und eine gegenseitige Kenntnis, wo die Grenzen auch abgesteckt sind. Wir kommen auch nicht, um uns gegenseitig von irgendwas zu überzeugen, sondern voneinander zu lernen, was der andere glaubt, ohne dass es meinen Glauben angreifen muss. Und was oft spannend ist: Im interreligiösen Dialog werden auch Dinge kennengelernt wie: Was kann man gemeinsam machen und was nicht? Kann man gemeinsam ein Gebet abhalten, kann man gemeinsam etwas essen, welche Riten könnte man gemeinsam durchführen, welche nicht und warum. Das sind auch Gegenstände, die wir erkunden und wo wir uns gegenseitig besser kennenlernen können. Das Zweite ist: Wenn es nicht auf der Ebene des Dialoges stattfindet, wo oft Experten miteinander ins Gespräch kommen, sondern in Vorträgen oder im Austausch auf Menschen trifft, die sich vielleicht mit der eigenen Religion oder mit der anderen Religion nicht so gut auskennen, dann gibt es schon oft Erwartungshaltungen, die auch in Enttäuschung kommen können. Christen sind auf mich zugekommen und haben gesagt: Ja, aber könnt ihr nicht "ein bisschen" daran glauben, "ein bisschen" entgegenkommen? Gut, Jesus ist vielleicht für euch nicht Gott oder Sohn Gottes, aber wenigstens ist er der Erlöser... Solche Kompromissvorschläge gibt es tatsächlich. Aber das ist auch wichtig, eben in diesem Austausch klarzustellen, dass wir unterschiedlich sind und das ist auch gut so, wir sollen nicht alle gleich sein.

 

Bischof Manfred Scheuer

Bischof Manfred Scheuer, Linz

 

Scheuer: Ich kann mich erinnern, dass ich vor 25 Jahren im Rahmen einer katholischen Hochschulgemeinde einmal Pessach gefeiert habe. Das würde ich heute nicht mehr tun, aus Respekt vor der jüdischen Tradition. Ich bin schon auch zum Sedermahl eingeladen gewesen. Aber ich würde es als übergriffig empfinden, wenn christliche Gruppen Sedermahle halten. Das geht nicht. Da haben sich in den letzten Jahren doch auch die Haltungen korrigiert oder verändert. Es ist natürlich eine theologische Herausforderung, zentrale christliche Bekenntnisse, dazu gehören etwa Gottessohnschaft Jesu oder die Trinität oder auch die Erlösung, so zu formulieren, dass das nicht antijudaistisch verstanden wird. Es ist für uns die bleibende Herausforderung, den einen Gott im Vater, Sohn und Geist zu bekennen und auch zu glauben. Da gibt es Respekt voreinander, da gibt es natürlich auch größere Irritationen, wie auch innerhalb der säkularen Gesellschaft.

 

Jüdisch-christlicher Dialog hat eine starke Basis

 

Zwei aus dieser Runde scheiden ja aus offiziellen Ämtern aus oder aus Zuständigkeiten. Herr Oberrabbiner Engelmayer, Sie werden nach sechs Jahren Wien im Herbst nach Israel gehen. Und Herr Bischof Scheuer, Sie haben bei der letzten Vollversammlung der Bischöfe nach fast 20 Jahren die Agenden für den Kontakt zum Judentum an Bischof Ägidius Zsifkovics übergeben. Wenn Sie beide zurückblicken auf die Zeit des Dialogs, die Sie selber gestalten konnten: Was wurde da erreicht und was vielleicht nicht?

 

Engelmayer: Ich persönlich bedauere sehr, dass Bischof Dr. Scheuer dieses Amt an den Nachfolger abgibt. Was ich in den sechs Jahren hier in Österreich kennenlernen durfte, ist, dass der Dialog sehr von dem Persönlichen zusammenlebt und Vertrauen geschaffen wird durch das Zusammentreffen, durch den Austausch, durch die Offenheit, die man dabei pflegt. Das führt dann weiter, es schafft eine starke Basis, dass auch Unterschiede überwunden werden können, dass auch Herausforderungen gemeinsam gemeistert werden können, dass man sich gegenseitig auch zur Seite steht, wenn es notwendig ist. Das alles ist in diesen Jahren doch sehr gewachsen. Das habe ich so wahrgenommen und hoffe, dass es auch weiter auf diesem Wege bleiben wird. Es ist eine wichtige Anregung, im Austausch zu sein, die Menschen kennenzulernen, die Menschen hinter den verschiedenen Glauben. Damit man aus diesem Austausch eine starke Basis für ein gemeinsames Zusammenleben beziehen kann.

 

Scheuer: Ja, ich bin Oberrabbiner Engelmayer sehr dankbar, dass wir in den letzten Jahren auch ein theologisches Gespräch geführt haben. Das war davor überhaupt nicht selbstverständlich. Und der theologische Austausch, auch das Benennen der Unterschiede, war für mich sehr bereichernd. Zum anderen ist das nicht einfach die Frage, was haben wir erreicht. Natürlich hat sich manches verändert. Ich kann mich erinnern, es gab auch massive Irritationen im Koordinierungsausschuss. Das war auf weltkirchlicher Ebene die Karfreitagsfürbitte. Das war die Affäre Williamson. Da ist manches ins Stocken geraten, und ich bin dankbar dafür, dass das dann auch auf einer anderen Ebene weitergegangen ist. Grundsätzlich glaube ich, dass es für uns Christen ganz entscheidend ist, dass wir Jesus als Juden von seinen jüdischen Wurzeln erkennen und dass wir eigentlich auch das Osterfest dem jüdischen Glauben verdanken. Ich denke, dass es de facto keine Alternative gibt, auch wenn es auf beiden Seiten vermutlich unterschiedliche Formen der Bereitschaft gibt, miteinander zu sprechen, aufeinander zuzugehen oder voneinander zu lernen. Insgesamt hat sich, glaube ich, gerade in den letzten Jahren auch wieder einiges zum Guten bewegt und dafür bin ich dankbar.

 

Das war jetzt der Rückblick. Wagen wir zum Ende hin einen kleinen Ausblick, Regina Polak. Du hast dieses Amt im November übernommen. Was steht für dich jetzt als Nächstes auf der Agenda? Welche Ideen, welche Pläne gibt es für die Zukunft des Koordinierungsausschusses?

 

Polak: Ja, ich möchte hier auch, bevor ich die Frage beantworte, mich bei beiden bedanken. Ich bin tatsächlich traurig, dass ich mit Ihnen beiden nicht mehr werde zusammenarbeiten können. Es wird eine Aufgabe sein, mit den Nachfolgern ein hoffentlich genauso gutes Vertrauensverhältnis aufzubauen. Was den Koordinierungsausschuss angeht, hatten wir zu Beginn im Jänner schon eine Klausur, wo wir Erfahrungen gesammelt haben: Was steht an? Ganz zentral ist das Thema Generationenfrage, also wie kann man den christlich-jüdischen Dialog, die christlich-jüdische Zusammenarbeit jetzt auch in die next generation, unter die jungen Leute bringen. Das ist gar nicht so einfach, weil da westlich-islamischer Dialog aufgrund der Zahlenverhältnisse oft zentraler ist oder sich mehr aufdrängt. Das hängt auch mit Gedenkkultur, Erinnerungskultur in einer veränderten Gesellschaft zusammen, Stichwort Migrationsgesellschaft. Auch da werden wir uns überlegen müssen, wie das Gedenken künftig aussehen kann. Der Koordinierungsausschuss hat ja als eine Aufgabe auch die Erneuerung der Kirchen durch den Geist des christlich-jüdischen Dialogs. Das heißt, dass wir uns auch pastoral in den unterschiedlichen christlichen Kirchen vermehrt einbringen möchten und werden. Der Koordinierungsausschuss feiert 70 Jahre. Da wird es im Herbst eine Feier geben, an der wir gerade arbeiten. Der Tag des Judentums am 17. Jänner 2027 ist eine große Chance, das Thema noch einmal breitenwirksam ökumenisch sichtbar zu machen. Und was uns, glaube ich, Juden wie Christen verbindet, ist überhaupt die Frage von Religion in der Gesellschaft und mit Blick auf den Offenbarungsglauben die Frage nach einem Gott, der sich geschichtlich gezeigt hat und auch zeigt, weil das viele Menschen so gar nicht glauben können oder wollen. Also die Frage der Säkularisierung und des Säkularismus und natürlich auch die Frage des Antisemitismus, der sich heute in vielerlei Gestalt wieder zeigt und für Juden und Jüdinnen in Österreich wirklich bedrohlich ist. Da sehen wir auch eine Zukunftsaufgabe.

 

Und wir werden uns bei "Diesseits von Eden" ebenfalls dieser Zukunftsaufgabe stellen und widmen - und zwar insofern, dass wir noch in diesem Jahr drei weitere Folgen rund um die Tätigkeit des Koordinierungsausschusses und rund um den jüdisch-christlichen Dialog veröffentlichen wollen. Vielen Dank in dieser Runde für dieses Gespräch. Wenn Ihnen der Podcast gefallen hat, dann empfehlen Sie uns doch gerne weiter oder hören Sie rein und klicken sich durch in eine der vielen anderen Folgen, die es inzwischen gibt. Zum Nachhören und auch zum Nachlesen unter https://diesseits.theopodcast.at 

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