Antisemitismus in Österreich: Woher rührt der Hass - und was kann man dagegen tun?

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Podcast vom 15. Jänner 2026 | Gestaltung: Henning Klingen*
Sie berichten von Brandanschlägen, Spuckattacken, Drohbriefen und ausgrenzendem Verhalten. Jüdinnen und Juden hatten es noch nie leicht in Österreich. Seit dem Anschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 jedoch hat die Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich, aber auch in Deutschland, stark zugenommen. Wie kann das sein, mag man sich verwundert und fassungslos fragen. Warum wird einem Volk, das so viel erleiden musste in seiner Geschichte, nach einem terroristischen Überfall mit über 1.200 Opfern nicht mit Solidarität, sondern mit Hass und Antisemitismus begegnet? Und wie lässt sich dagegen steuern? In Bildungseinrichtungen, Schulen, Kirchen, an Unis, in der Theologie?
Diesen Fragen wollen wir heute bei "Diesseits von Eden", dem Podcast der theologischen Fakultäten in Österreich, nachgehen. Mein Name ist Henning Klingen, und ich begrüße - online hinzugeschaltet - Martina Bär und Jehoshua Ahrens.
Martina Bär ist Universitätsprofessorin für Fundamentaltheologie an der Uni Graz. Dort leitet sie unter anderem ein Forschungsprojekt, in dem die Rolle der katholischen Kirche und Theologie bei der Ausbreitung des Antisemitismus 1918 bis 1938 erforscht wird. Und sie ist Autorin einer Studie darüber, wie die Unis in Österreich in den vergangenen Jahren mit Antisemitismus umgegangen sind und was sie tun, um ihn zu bekämpfen.
Jehoshua Ahrens ist Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde in Bern in der Schweiz und arbeitet und forscht schon lange zum jüdisch-christlichen Dialog und seinen Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg. In Salzburg an der Uni ist er außerdem Mitarbeiter am dortigen Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen, wo er an einem Projekt mit dem Titel "Eine jüdische Theologie des Christentums – traditionelle jüdische Quellen zum Christentum" arbeitet.
Theologische und gesellschaftliche Narrative kritisch beleuchten
Wir zeichnen diese Folge im Jänner 2026 und nur wenige Tage vor dem "Tag des Judentums" auf. Vor 25 Jahren hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich diesen Tag eingeführt, um daran zu erinnern, was Christen aus einem falschen Glaubensverständnis heraus Jüdinnen und Juden angetan haben. Wie erleben Sie beide, eine Christin und ein Jude, heute das Zusammenleben von Religionsgemeinschaften? Ist dieser religiös motivierte und religiös geprägte Antisemitismus ein Phänomen, mit dem Sie im Alltag zu tun haben, oder ist das vielleicht noch das geringere Problem, das wir haben im Blick auf Antisemitismus heute …?
Martina Bär: Mein Kontext bezieht sich ja vor allem auf die Universität und unsere Kontakte zur jüdischen Gemeinde. Dieses Milieu ist sehr freundlich gegenüber dem Judentum eingestellt. Wir haben z.B. eine Taskforce gegen Antisemitismus in Graz gegründet und wollen Veranstaltungen initiieren, die über Antisemitismus aufklären. Insofern bewege ich mich in einem Feld, das ganz viel Prävention und Antisemitismusbekämpfung betreiben möchte – Hand in Hand mit Personen aus der jüdischen Gemeinde in Graz. Es gibt aber durchaus Momente an der Universität, die mich immer wieder darauf aufmerksam machen, dass es noch ein Desiderat darstellt, weiter über gegenwärtige Formen des Antisemitismus aufzuklären. Also gerade im Zuge des 7. Oktober 2023, als in den sozialen Medien der "sekundäre Antisemitismus" aufbrach, das heißt: als alte Narrative in neuen Codes, ganz stark verbreitet wurden. Besonders etwa die sogenannte "Ritualmordlegende", wonach Jüdinnen und Juden Kinder ermorden und das Blut dann für rituelle Zwecke verwenden. Das hat wieder eine starke Verbreitung gefunden. Das heißt: Es gab für mich immer wieder Momente, wo ich gemerkt habe, dass der sogenannte sekundäre Antisemitismus sehr präsent ist. Viele sind sich nicht dessen bewusst, was sie eigentlich machen, oder manchmal gibt es schlichtweg auch gar kein Wissen über antisemitische Narrative, und das hat mich schon erschreckt.

Prof. Martina Bär, Graz
Jehoshua Ahrens: Man muss bei dem Thema differenzieren, was theologisch bzw. kirchlich grundierter Antisemitismus ist und was an den Unis und gesellschaftlich sich zeigt. Da gibt es natürlich Schnittmengen. Aber es geht nicht nur um einen theologischen Antijudaismus, sondern es geht auch um bestimmte Narrative, die sich im Laufe des Mittelalters eben mit solchen Verschwörungstheorien damals schon vermischt haben und die von den Kirchen teilweise auch benutzt wurden, je nachdem, wie es gerade von Vorteil im jeweiligen Kontext war. Und diese Narrative haben sich sehr tief eingeprägt in die Gesellschaft und wirken bis heute. Die kommen dann nicht theologisch oder gar christlich daher, aber sie sind doch tief in die DNA christlicher Gesellschaften eingeschrieben und brechen immer wieder auch auf. Das ist jetzt nicht erst mit dem 7. Oktober 2023 so geschehen; das haben wir beispielsweise auch in der Pandemiezeit gemerkt – auch da war wieder so eine Hochzeit von Verschwörungstheorien. Generell gesagt: Wenn Unsicherheiten da sind und gesellschaftlicher Wandel, dann erleben auch die Verschwörungstheorien einen Aufschwung. Aber natürlich gibt es daneben auch den klassischen theologischen Antijudaismus, wo man denkt, dass das doch längst vorbei und überwunden sein müsste. Aber so ist es nicht. Das heißt: Wir haben vielleicht nicht auf hohen kirchlichen Ebenen, aber in der Volksfrömmigkeit Dinge – wenn es beispielsweise um die Passionsgeschichte geht –, wo immer noch antijüdische Elemente vorkommen, auch wenn das vielleicht gar nicht so gemerkt wird. Wie Frau Bär schon sagte: Das ist vielleicht nicht immer bewusst, aber es transportiert weiterhin antijüdische Elemente und auch Narrative. Aber, ja, es gibt auch Ausreißer auf höherer kirchlicher Ebene - man denke an den Satz von Papst Franziskus, dass vom Gesetz, also der Tora, kein Leben mehr ausgehe, sondern nur von Jesus. Da sieht man schon: Das sind Dinge durchaus mit Konsequenzen. Und wir müssen bei dem Thema auch auf andere Teile der christlichen Kirchen blicken - etwa auf Südamerika oder den Nahen Osten und die Orthodoxen Kirchen und die dortigen Theologien: da wurden Antijudaismen teils noch gar nicht aufgearbeitet, u.a., weil es dort eben kein "Nostra aetate" gibt. Sprich: da sind antijüdische Theologien teilweise noch ganz normal.
Bekämpfung des Antisemitismus ist bleibende Aufgabe auch in der Theologie
Wie leben antisemitische Narrative eigentlich weiter in einem weitgehend säkularen Umfeld? Oder anders formuliert: Wie können sich diese Narrative halten, wenn sie von ihren religiösen Quellen abgeschnitten sind?
Jehoshua Ahrens: Diese Narrative sind bereits Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alt und prägen somit immer schon die christlichen Gesellschaften. Man bekommt sie daher auch nicht einfach so wieder raus - weder durch Säkularisierung und Abtrennung von religiösen Quellen noch überhaupt. Sie werden im säkularen Umfeld einfach in neue Formen umgemünzt. Ich würde sogar sagen, dass die Säkularisierung Antijudaismen eher befeuert, weil in säkularen Gesellschaften die Stimmen der Kirchen, die sich ja jetzt schon seit einigen Jahrzehnten aktiv mit ihrer problematischen Vergangenheit kritisch auseinandersetzen und Dinge aktiv korrigiert haben, an Einfluss verlieren und ihre Stimme leiser wird. Das heißt: Es wäre schön, wenn die christlichen Kirchen und ihre veränderte Theologie eben noch weiter Einfluss gewinnen könnte in den christlichen Gesellschaften. Denn man sieht natürlich auch, dass das, was angefangen wurde mit "Nostra aetate", diese 180-Grad-Kehrtwende im Blick auf das Judentum, nicht abgeschlossen ist. Man kann 2.000 Jahre Kirchengeschichte nicht in ein paar Jahrzehnten einfach umkrempeln. Das muss alles langsam durchsickern. Und insofern verwundert es mich jetzt auch nicht, dass das noch nicht bei allen Christinnen und Christen angekommen ist oder dass noch viele Stereotype vorhanden sind. Aber, ja, es wäre durchaus wünschenswert, wenn die offizielle Linie der Kirche noch mehr durchdringen würde – nicht nur bei Christinnen und Christen, sondern in der Gesamtgesellschaft.
Martina Bär: Wenn Sie sagen: Das muss noch weiter durchsickern, dass die katholische Kirche oder überhaupt die christlichen Kirchen dem Antisemitismus und einem christlichen Antijudaismus entsagen, dann braucht es immer wieder Personen, konkrete Personen – Theologinnen, Theologen, kirchliche Mitarbeiterinnen –, die sich dafür einsetzen, dass dieses "Standing against Antisemitism" aufrechterhalten bleibt, also dass daran erinnert wird. Ich persönlich habe in den 1990er Jahren begonnen, Theologie zu studieren. Da war die Neue Politische Theologie mit Johann Baptist Metz ein großes Thema, der sich ja für eine "Theologie nach Auschwitz" eingesetzt hat. Dann gab es allerdings eine Art Rückschlag und eine Art theologische Lücke - das Thema war wie abgehandelt. Und jetzt sind wir meines Erachtens von theologischer Seite wieder dazu aufgefordert, dieses Erbe und das ganze Wissen, das schon aufgearbeitet worden ist – in der Neuen Politischen Theologie, in der Theologie nach Auschwitz –, zu aktualisieren und wieder in der Theologie, an den Unis, aber auch im Religionsunterricht zum Thema zu machen. Wir sind als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren gefragt und müssen uns selbstkritisch fragen, wo unsere Verantwortung angesichts der Zunahme antisemitischer Vorfälle liegt.

Jehoshua Ahrens
Nun sagt die Antisemitismus-Studie, die das österreichische Parlament in Auftrag gegeben hat, dass etwa 15 Prozent der österreichischen Bevölkerung latent antisemitische Überzeugungen pflegt. Was zugenommen hat seit 2023, sei der "israelbezogene Antisemitismus". Zunächst muss man wahrscheinlich erklären: Was ist das? Worin unterscheidet der sich von etwas anderem, und gibt es dazu auch einen theologischen Wurzelgrund?
Jehoshua Ahrens: Ich denke, der Antisemitismus wandelt sich über die Zeit. Rabbiner Jonathan Sacks, der ehemalige Oberrabiner von Großbritannien, hat das mal so ausgedrückt: Im Mittelalter ist er im theologischen Gewand dahergekommen. In der Zeit der Aufklärung und Emanzipation, als auf einmal Nation und Rasse im Vordergrund standen, ist er rassisch dahergekommen. Und jetzt, seit es einen Staat Israel gibt, kommt er eben israelbezogen daher. Aber es sind eigentlich, wenn man es herunterbricht, immer dieselben Narrative, dieselben Dinge, derselbe Hass – nur in einem neuen Gewand. Man muss also schauen: Wann ist es eine berechtigte Kritik z.B. an der Regierung in Israel, und ab wann ist es eine Diffamierung und Dämonisierung Israels? Und da sieht man: Da kommt man ganz schnell in Antisemitismen rein, eben weil es dann nicht nur Israel betrifft, sondern Jüdinnen und Juden überall auf der Welt. Warum etwa werde ich als Jude in Europa gehasst, nur weil eine israelische Regierung irgendetwas macht? De facto habe ich erst mal nichts damit zu tun. Aber in dem Moment, in dem ich mich nach dem Terrorpogrom vom 7. Oktober 2023 solidarisch mit Israel zeige oder in dem Moment, in dem ich sage: Auch Israel hat ein Existenzrecht, in dem Moment werde ich als Zionist gelabelt und als solcher bin ich dann damit verbunden und werde für diese Taten mit verantwortlich gemacht. Das konnte man erleben etwa in Bern, wo ich als Rabbiner tätig bin: Da gab es verschiedene Anti-Israel-Demos, die auch mit Gewaltausschreitungen einhergingen und bei denen lokale Jüdinnen und Juden verbal und inhaltlich bedroht wurden. Da gab es etwa Sprüche wie "Kill your local Zionist". Was das bedeutet, ist ganz klar: Die Jüdinnen und Juden vor Ort sollen umgebracht werden. Und die Demos haben mehrmals versucht, auch vor die Synagoge zu kommen, die Synagoge anzugreifen. Dagegen frage ich: Was hat denn bitte eine Synagoge in Bern mit irgendeiner Regierung in Israel zu tun? Ich habe auch Drohbriefe bis hin zu Morddrohungen erhalten, in denen ein Bezug zu Israel hergestellt wird, was eigentlich völlig wirr ist. Aber das geschieht überall und betrifft Jüdinnen und Juden überall.
Erinnerungskultur muss gestärkt werden
Sie haben das Thema Neue Politische Theologie und Theologie nach Auschwitz angesprochen. Das interessiert mich, weil diese Neue Politische Theologie und auch die philosophischen Quellen, die diese Theologie etwa in der "Frankfurter Schule" hat, sehr stark a) auf dem Moment der Erinnerung an das, was war, aufsetzt und b) auf dem Erschrecken davor, was war und was Menschen einander angetan haben – in dem Fall, was den Juden angetan wurde – und dem Impetus, dass dies nicht mehr sei, dass Auschwitz nicht mehr sei. Das ist das Movens dieser Theologie gewesen oder ist es bis heute. Nur habe ich ein bisschen den Eindruck, dass dieses Erschrecken gar nicht mehr so selbstverständlich ist, wenn es auch Mordaufrufe gibt... Ist dieses Erschrecken ein Kern dessen, was man wieder freilegen muss?
Martina Bär: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, auch da haben wir es mit einer Form von Antisemitismus zu tun, nämlich mit dem sogenannten "holocaustbezogenen Antisemitismus". Das heißt, dass man den Holocaust relativiert oder sogar verleugnet. Das hat eben dann zur Konsequenz, dass man sich plötzlich wieder legitimiert sieht, Mordaufrufe zu tätigen, wie Herr Ahrens das gerade dargelegt hat. Wir sind aktuell in einer ganz erschreckenden Phase des Anstiegs von antisemitischem Gedankengut und zugleich in einer Phase, in der das Wissen über den Holocaust in eklatanter Weise nachgelassen hat. Da muss man jetzt wieder ganz viel Energie investieren, dass diese Erinnerungen – die Darlegung der Verbrechen der Nazis – wach gehalten werden. Und insofern begrüße ich auch die Neuauflage der Nationalen Strategie gegen Antisemitismus in Österreich, die ganz viel Wert darauf legt, dass diese Erinnerungskultur verstärkt werden soll und dass ein Holocaust-Museum eingerichtet werden soll. Das finde ich gut.
Jehoshua Ahrens: Holocaust und Erinnerungskultur ist tatsächlich ein komplexes Thema. Zunächst zur Relativierung: Das war ja von Anfang an direkt nach 1945 eine Strategie von Antisemiten, das entweder direkt zu leugnen oder zu relativieren. Und das sehen wir eben auch in den modernen Kontexten etwa nach dem 7. Oktober 2023: Auch da gab es rasch eine Täter-Opfer-Umkehr, nach dem Motto: Die Juden sind die neuen Nazis und die Juden sind ja diejenigen, die am palästinensischen Volk einen Genozid verüben. Die Opfer werden so auf einmal zu Tätern gemacht - und die ganze Erinnerungskultur wird damit infrage gestellt. Stichwort Erinnerungskultur: Da gibt es wohl auch einen Gap zwischen dem, wie Christinnen und Christen und wie Jüdinnen und Juden auf Erinnerungskultur und auf die Lehren aus Auschwitz schauen. Für die Mehrheitsgesellschaft bedeutete das "Nie wieder" z.B. wohl vor allem: nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus – und für die jüdische Seite: nie wieder Auschwitz. Und für dieses "Nie wieder" kämpfen wir - notfalls auch mit Waffengewalt und militärischer Verteidigung. Auch das scheint für viele schwer verständlich zu sein, dass Juden plötzlich aus dem Opfer-Narrativ heraustreten und jetzt - wie etwa der Staat Israel - als souveräner und starker Akteur agieren.
Die Realität – auch das zeigt diese österreichische Antisemitismus-Studie im Auftrag des Parlaments – ist ja die, dass wir nicht nur in Österreich in Migrationsgesellschaften leben. D.h. über die etwa 15 Prozent der Bevölkerung, die latent antisemitische Haltungen pflegt, hinaus gibt es laut dieser Studie in den Milieus zum Beispiel arabischer oder türkischstämmiger Einwanderer einen dreimal so hohen Prozentsatz von latent gepflegten Antisemitismen. Wie begegnet man diesen denn sinnvollerweise? Über christlich-theologische Argumente wird diesen ja vermutlich nicht zu begegnen sein; und auch im Blick auf die Erinnerungskultur würden diese Milieus vermutlich antworten: Auschwitz - das ist eure, nicht unsere Geschichte...
Martina Bär: Die Antisemitismus-Strategie benennt einen ganz wichtigen Punkt: den Plan, dass in Integrationskursen die Aufklärung über Antisemitismus verstärkt werden soll und dass Antisemitismus auch antidemokratisch ist. Das heißt: Es geht im Grunde darum, über dieses Weltbild aufzuklären in seinen demokratiefeindlichen Elementen. Und wenn Menschen mit Migrationshintergrund hier bei uns leben, dann geht es auch darum, sich an diesen demokratischen Werten zu orientieren, die jedes Leben für schützenswert, für gleich-würdig halten, und dass es nicht zulässig ist, Menschen aufgrund einer bestimmten Religion zu diffamieren oder zu diskriminieren oder ihnen feindlich gegenüberzustehen.
Antisemitismus-Strategie kirchlich und theologisch rezipieren
Jehoshua Ahrens: Generell muss man wohl betonen, dass Bildung und Begegnung ganz wichtig sind. Und hier kommen dann auch wieder die Religionen ins Spiel, auch wenn die momentan eher in der Defensive sind und immer weniger Einfluss haben auf die Gesellschaft. Aber oft wird wohl vergessen, welche wichtige Rolle Religionen in Gesellschaften spielen können. Denn gerade in solch zersplitterten, individualisierten Gesellschaften, in denen wir leben, sind es die Grundwerte der Religionen – und die teilen wir, ob das jetzt christlich ist, jüdisch, muslimisch –, die Menschen zusammenbringen. Und wenn wir es schaffen, als Religionen im Dialog zu sein, gerade auch jetzt in diesem Fall im jüdisch-muslimischen Dialog, dann können Religionen weiterhin gemeinsam stark sein und ein Signal des Friedens und der Verständigung setzen und eine Brücke bauen können für verschiedene Akteure und Menschen, um etwas Einendes, Gemeinsames zu schaffen.
Am Schluss nochmal kurz nachgefragt: Martina Bär, Sie haben gerade die österreichische Strategie gegen Antisemitismus angesprochen. Diese benennt 49 Maßnahmen und drei "Leuchtturmprojekte" - u.a. ein Holocaust-Museum und eben Erklärungen gegen Antisemitismus, die in Integrationskursen demnächst verlangt werden sollen. Was hielten Sie denn aus theologischer oder christlicher/kirchlicher Sicht für ergänzungswürdig? Was würden Sie noch hinzuzufügen wollen?
Martina Bär: Also ich kann nur unterstreichen, was Herr Ahrens gerade gesagt hat: Für mich ist es auch ganz zentral, dass gerade jetzt wieder die Dialogbemühungen, die Begegnungsmöglichkeiten erhöht werden. Wenn man weiß, dass vor allem Begegnung konkret Antisemitismus abbauen kann. Also insofern stimme ich Ihnen voll zu, Herr Ahrens, dass wir alle Kräfte bündeln müssen, um in diese Richtung weiterzugehen und Räume zu schaffen, in denen solche Begegnungen und Dialogmöglichkeiten stattfinden. Im Blick auf die Nationale Strategie würde ich sagen, dass sich hier die christlichen Kirchen stärker öffentlich positionieren sollten gegen Antisemitismus. Das geschieht bereits teilweise und das ist auch gut so; aber da ginge noch mehr. Auch halte ich theologische Bildung für essentiell beim Thema Antisemitismus. Als theologische Einrichtungen sind wir aufgerufen, unser Wissen verstärkt einzubringen. Und schließlich würde ich den christlichen Kirchen und der Theologie empfehlen, sich diese Handlungsfelder der Nationalen Strategie gegen Antisemitismus verstärkt anzusehen und zu eigen zu machen, um gemeinsam mit den staatlichen Stellen für eine Umsetzung sorgen zu können.
... und vielleicht das Ganze irgendwann mal verknüpfen mit dem "Tag des Judentums", der in diesen Tagen jetzt gerade begangen und gefeiert wird, tatsächlich in einem Dreischritt. Also es sind drei einzelne Tage - und der letzte Tag ist dann tatsächlich ein "Tag des Feierns". Auch das sollte ja hoffentlich nicht zu kurz kommen. Vielen Dank Ihnen beiden für dieses Gespräch. Und wenn Ihnen der Podcast gefallen hat, dann empfehlen Sie uns ruhig weiter oder schauen Sie vorbei bei den anderen Folgen, die es bisher gibt.
Vielen Dank fürs Zuhören sagt Henning Klingen.
