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Wie sollte die Theologie auf ihren Relevanz- und Funktionsverlust reagieren, Friedrich Wilhelm Graf?

 

Zusammenlegung, Reduktion, Kooperation: Der evangelische Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf würde den theologischen Fakultäten eine Rosskur verschreiben. Denn nur so könne sie auf Dauer ihrem Relevanz- und Funktionsverlust entgegenwirken. Ein Gespräch über die Zukunft der akademischen Theologie mit Graf und den Wiener Theologen Jan-Heiner Tück und Christian Danz.

 

Hörsaal an einer Universität

Foto: pixabay.com / CC0 public domain

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Podcast vom 11. Juni 2026 | Gestaltung: Henning Klingen*

 

Heute bei Diesseits von Eden geht es um das Fach der Theologie selbst, also um eine Reflexion über den Zustand des eigenen Faches im deutschen Sprachraum. Dort beobachten wir eine interessante Entwicklung: einen Rückgang der Studierendenzahlen und einen nahezu gleichzeitigen Relevanzverlust der Theologien in der Öffentlichkeit auf der einen Seite, zugleich aber eine hohe Ausdifferenzierung theologischer Lehranstalten und Lehrangebote sowie teilweise eine hervorragende Ausstattung an Universitäten auf der anderen Seite.

 

Wie geht das weiter? Kann das auf Dauer gut gehen? Und warum ist das eigentlich so? Über diese theologische Lage der Gegenwart hat in diesen Tagen der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf an der Universität Wien referiert und dabei einen drohenden Funktionsverlust der akademischen Theologie konstatiert. Das wollen wir genauer wissen.

 

Mein Name ist Henning Klingen, und ich sitze hier mit Friedrich Wilhelm Graf an der Universität Wien. Außerdem dabei sind Christian Danz, ebenfalls evangelischer Theologe in Wien, und Jan-Heiner Tück, katholischer Theologe aus Wien.

 

Herr Professor Graf, woran machen Sie ganz allgemein diesen drohenden Funktionsverlust der akademischen Theologie fest? Welche Indikatoren führen Sie zu dieser Diagnose?

 

Graf: Wenn Sie fragen, was passiert, dann sehen wir zunächst, dass Studierende wegbleiben. Zugleich studiert aber eine ganze Reihe von Studierenden an freikirchlichen oder kirchlich getragenen Hochschulen und zieht deren Angebot dem der staatlichen Universitäten vor. Wir müssen uns fragen, wie wir mit der Situation umgehen, dass es an bestimmten Orten sehr attraktive, forschungsstarke theologische Fakultäten gibt – jedenfalls in der Bundesrepublik Deutschland –, während an anderen Stellen sichtbar gespart werden muss und dadurch die Attraktivität des jeweiligen Standorts sinkt.

Ist es da nicht klüger, über das Schicksal kleiner Standorte zu sprechen, über mögliche Zusammenlegungen und über die Stärkung der bereits starken Fakultäten, damit die Theologie eine attraktive Wissenschaft bleibt? Dazu hat in der deutschen Öffentlichkeit eine Diskussion begonnen, und diese wollte ich hier in Wien in meinem Vortrag aufgreifen.

 

Was sind Faktoren, die zu diesem Funktionsverlust oder Funktionsniedergang beigetragen haben? Sie haben bereits das Thema Internationalität angesprochen und weitere Faktoren genannt. Welche Indikatoren legen diesen Befund nahe?

 

Graf: In den vergangenen Jahren sind im deutschen Sprachraum zahlreiche Bücher über Religion erschienen – allerdings nicht von Theologen. Die Theologie muss heute mit einer Konkurrenzsituation umgehen. Es gibt viele Religionsinteressierte und viele Religionsdeuter, aber die klassische Disziplin Theologie wird für diese Deutungsleistungen immer seltener nachgefragt. Andere bedienen diesen Bedarf in der Öffentlichkeit offenbar erfolgreicher als wir. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Das ist eine neue Situation. Ein zweiter Punkt ist die Internationalität. Adolf von Harnack schrieb 1920, die evangelische Theologie sei die internationalste deutsche Geisteswissenschaft. Zahlreiche amerikanische Doktoranden kamen nach Deutschland, und wir hatten hohe Zahlen ausländischer Studierender. Das hat es seit den 1960er-Jahren nur noch selten gegeben. Inzwischen gehen junge skandinavische Theologen eher nach England oder in die USA als nach Deutschland. Das hat auch mit der Marginalisierung des Deutschen als Wissenschaftssprache zu tun.

 

"Die Theologie steht unter einem besonderen Legitimationsdruck"

 

Lässt sich dieser Befund nicht auch auf andere Geisteswissenschaften übertragen? Könnte man den Begriff Theologie nicht einfach durch Philosophie ersetzen? Auch dort klagt man über die stärkere Orientierung an Amerika und über ähnliche Entwicklungen. Gibt es nicht eine generelle Krise der Geisteswissenschaften?

 

Prof. Friedrich Wilhelm GrafGraf: Dass die deutschsprachigen Geisteswissenschaften insgesamt unter Druck stehen, daran besteht kein Zweifel. Die Situation der Theologie ist jedoch noch einmal eine besondere, weil sich die Problemlage hier stärker zuspitzt. An der LMU München haben wir beispielsweise 18 Lehrstühle in der katholisch-theologischen Fakultät, elf in der evangelisch-theologischen Fakultät und drei Lehrstühle für orthodoxe Theologie. Da schauen die Leute natürlich hin und sagen: Die haben doch so wenige Studierende. Die Theologie steht deshalb unter einem besonderen Legitimationsdruck, und damit muss sie klug umgehen. Die Philosophen haben sich daran gewöhnt, dass man ihnen einen Lehrstuhl nimmt. Die Germanisten können meist auch damit leben, wenn zwei Lehrstühle gestrichen werden. Bei uns ist das komplizierter, weil wir unter stark verrechtlichten Bedingungen arbeiten. Staat und Kirche lassen den theologischen Fakultäten nur einen geringen Selbstgestaltungsfreiraum. Deshalb müssen wir darüber nachdenken, wie wir wieder etwas mehr Autonomie gewinnen können.

 

(Fotocredit Graf: Ernst Peter Wilhelm Troeltsch, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

 

Christian Danz, Sie wollten sich dazu direkt einschalten.

 

Danz: Ja, in der Tat. Der entscheidende Punkt ist, dass die Theologie ihr Monopol auf Religionsdeutung bereits um 1900 verloren hat. Seitdem etablieren sich an den Universitäten Religionswissenschaft, Religionssoziologie und zahlreiche weitere Disziplinen. Das zwingt die evangelische ebenso wie die katholische Theologie in eine neue Konkurrenzsituation. Damit entsteht auch ein neues Verständnis von Theologie. Man kann diesen Prozess als Ausdruck der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Ausdifferenzierung lesen. Die Theologie ist heute ebenso wenig wie die Literaturwissenschaft eine Leitwissenschaft mit einem privilegierten Blick auf das Ganze. Sie ist vielmehr eine akademische Disziplin unter anderen geworden. Ihre Aufgabe besteht darin, ihren Gegenstand wissenschaftlich zu erforschen. Literaturwissenschaftler analysieren Texte; Theologinnen und Theologen analysieren die christliche Religion und entwickeln wissenschaftliche Beschreibungen ihres Gegenstands. Man kann die Entwicklung also auch als Normalisierung der Theologie verstehen. Zugleich leben wir nicht mehr im 19. Jahrhundert. Im Deutschen Kaiserreich waren rund 90 Prozent der Bevölkerung kirchlich gebunden. Diese Situation haben wir heute nicht mehr. In Österreich gibt es nur noch eine kleine protestantische Minderheit, und auch in Deutschland gehen die Kirchenmitgliedschaften stark zurück. Diese gesellschaftliche Entwicklung spiegelt sich selbstverständlich auch in den Studierendenzahlen wider. Deshalb stellt sich die Frage, wie man mit den derzeit 24 evangelisch-theologischen Fakultäten in Deutschland umgehen soll. In Österreich haben wir nur eine solche Fakultät; dort stellt sich die Frage nicht in derselben Weise. Aber 24 Fakultäten bei immer geringeren Studierendenzahlen – das wird auf Dauer kaum tragfähig sein.

 

"Starke Fakultäten gezielt stärken und neue Schwerpunkte aufbauen"

 

Tück: Wenn man über den Funktionsverlust der akademischen Theologie spricht, muss man sich natürlich vor Augen halten, dass wir seit Längerem mit anhaltenden Erosionstendenzen der Kirchen konfrontiert sind, die sich auch statistisch niederschlagen. Das hat Rückkopplungseffekte auf jene Gruppen, die sich überhaupt noch für Theologie interessieren. Was Friedrich Wilhelm Graf in seinem Vortrag meines Erachtens zu Recht angemerkt hat, ist die Tatsache, dass es angesichts der zunehmenden Spezialisierung immer weniger Akteure im Feld der akademischen Theologie gibt, die in der Öffentlichkeit Position beziehen – und zwar so, dass sie auch über die Fachwelt hinaus gesellschaftliche Resonanz erzielen. Da kann man natürlich fragen: Woher kommen diese Verschiebungen? Namen wie Küng, Ratzinger und Kasper auf katholischer Seite oder Moltmann und Pannenberg auf evangelischer Seite standen für Theologen, die tatsächlich in die großen Weltsprachen übersetzt wurden. Heute ist das deutlich seltener geworden. Stattdessen erzielen Denker wie Hans Joas, Peter L. Berger oder Jürgen Habermas vielfach größere Resonanz. Offenbar gelingt es ihnen besser, auf gesellschaftliche Transformationsprozesse und die damit verbundenen Sinnfragen zu reagieren als Theologinnen und Theologen mit ihren hochspezialisierten Diskursen. Darin steckt durchaus auch eine Rückfrage an die Art und Weise, wie wir Theologie betreiben. Denn wir alle möchten diesen faktischen Relevanzverlust produktiv unterlaufen und die Deutungskompetenz der Theologie wieder stärker in die Öffentlichkeit einbringen. Ein Vorschlag besteht darin, starke Fakultäten gezielt zu stärken und über die klassischen Disziplinen hinaus neue Schwerpunkte aufzubauen. Wenn ich auf Wien blicke, dann kann ich sagen: Genau solche Umbauprozesse haben wir in den vergangenen fünf bis sechs Jahren vollzogen. Wir haben neue Bereiche wie interkulturelle Religionsphilosophie und Religionssoziologie aufgebaut, wir beschäftigen uns stärker mit orthodoxen und orientalischen Kirchen und haben dafür an anderer Stelle Ressourcen umgeschichtet.

 

Graf: Die von Herrn Tück beschriebene Tendenz trifft zu. Die Theologie muss mehr Deutungskompetenz für Entwicklungen in den globalen Christentümern aufbauen. Wir wissen vergleichsweise wenig über die Christentümer Lateinamerikas und Asiens. Oft sind wir auch erstaunlich blind gegenüber den orthodoxen Kirchen. Viele orthodoxe Kirchen sind eng mit nationalen Identitäten verbunden und verbinden religiöse Traditionen mit starken ethnischen oder nationalen Narrativen. Man muss nur auf die russisch-orthodoxe Kirche und ihre Rolle im Ukraine-Krieg blicken. Hier besteht ein erheblicher Deutungsbedarf, der durch die klassischen theologischen Disziplinen bislang nicht ausreichend abgedeckt wird. Wir brauchen dieses Wissen aber, um in der Öffentlichkeit kompetent über das Christentum sprechen zu können.

 

Prof. Jan-Heiner Tück

 

Was bereits angedeutet wurde – Jan-Heiner Tück hat es kurz angesprochen –, ist die Frage, ob es christlichen Theologinnen und Theologen heute an wissenschaftskommunikativer Kompetenz fehlt. Gelingt es ihnen nicht mehr, ihre Fächer in eine säkulare Öffentlichkeit zu übersetzen? Oder liegt das Problem eher in den Fächern selbst und ihrer zunehmenden Ausdifferenzierung? Vor Kurzem wurde Jürgen Habermas vielfach als einer der letzten Universalgelehrten gewürdigt. In der Theologie fallen in diesem Zusammenhang Namen wie Joseph Ratzinger oder Jürgen Moltmann. Ihnen konnte man ebenfalls eine gewisse Universalität zuschreiben. Fehlt eine solche Gestalt heute – oder ist sie unter den Bedingungen moderner Wissenschaft überhaupt nicht mehr möglich?

 

Tück: Zunächst möchte ich eine Lanze für den anwesenden Kollegen Graf brechen, der seit Jahrzehnten mit pointierten Beiträgen in großen Zeitungen präsent ist und der bekanntlich auch die Traueransprache für Jürgen Habermas gehalten hat. Diese Rede wurde anschließend unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht. Insofern wäre ich vorsichtig, allzu schnell mit Verlustdiagnosen zu operieren. Gleichwohl stellt es zweifellos eine Herausforderung dar, neben den wissenschaftlichen Fachdiskursen auch eine Sprache zu entwickeln, die öffentlich anschlussfähig und feuilletonfähig ist. Zudem erleben wir gegenwärtig einen tiefgreifenden Wandel der Medienlandschaft. Die Digitalisierung verändert das Feuilleton, Klickzahlen gewinnen an Bedeutung, und deshalb werden theologische Bücher heute deutlich seltener besprochen als früher. Man muss sehen, dass nicht nur die Theologie und die Kirchen im Umbruch sind. Auch das Publikationswesen, die Lesegewohnheiten jüngerer Generationen und die gesamte Medienöffentlichkeit verändern sich. Darauf müssen wir reagieren. Ich beobachte durchaus, dass jüngere Kolleginnen und Kollegen versuchen, mit neuen Formaten wie Podcasts oder anderen digitalen Angeboten darauf zu antworten – teilweise durchaus erfolgreich.

 

Prof. Christian Danz

 

Danz: Ich würde sagen, dass die akademische Theologie tatsächlich Schwierigkeiten hat, ihr eigenes Tun in die Gesellschaft zu vermitteln. Im Protestantismus hängt das meines Erachtens vor allem damit zusammen, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die von Karl Barth geprägte Wort-Gottes-Theologie eine außerordentlich starke Dominanz entfaltet hat. Das führte zu einer sehr ausgeprägten theologischen Binnensemantik an den theologischen Fakultäten, die für Außenstehende kaum noch verständlich war. Die Theologie behauptete ihre Eigenständigkeit als Wissenschaft teilweise dadurch, dass sie eine Sprache entwickelte, die nur noch innerhalb des eigenen Diskurses funktionierte. Zwar verändert sich das seit einigen Jahren wieder, dennoch hat diese Entwicklung zu einer erheblichen Verengung theologischer Kommunikation beigetragen. Ich würde durchaus sagen, dass darin ein Faktor des Relevanzverlustes liegt. Wenn akademische Theologie im Wesentlichen nur noch das wiederholt, was innerhalb religiöser Traditionen ohnehin gesagt wird, dann stellt sich die Frage nach ihrem wissenschaftlichen Mehrwert. Eine Universität braucht keine bloße Wiederholung religiöser Selbstbeschreibungen. Was sie braucht, ist eine kritische und reflektierte theologische Wissenschaft, die Religion beschreibt, analysiert und erklärt – auch im Zusammenhang gesellschaftlicher und kultureller Wandlungsprozesse. Genau deshalb ist die Frage der theologischen Binnensemantik so wichtig. Solange diese nicht überwunden wird, bleibt die Theologie nur schwer vermittelbar.

 

"Öffentlicher Intellektueller kann man nur sein, wenn man zuvor im Fach selbst ein gewisses Renommee erworben hat"

 

Sie haben skizziert, Herr Graf, was aus Ihrer Sicht notwendig wäre, um eine Kehrtwende einzuleiten. Dazu gehört unter anderem die Stärkung großer Fakultäten und eine gewisse Konzentration theologischer Standorte. Mich interessiert aber noch ein anderer Punkt: Sie haben in Ihrem Vortrag davon gesprochen, dass das evangelische Pfarrhaus gewissermaßen der Nährboden war, auf dem immer wieder neue Theologiestudierende heranwuchsen. Diesen sozialen Ort gibt es heute weitgehend nicht mehr. Wie soll eine Kehrtwende gelingen, wenn zugleich die gesellschaftliche Verankerung des Christentums schwindet? Braucht es nicht – ohne das konfessionell oder missionarisch zu verstehen – auch eine breitere kulturelle Rückbindung an das Christentum? Andernfalls könnten selbst die besten Fakultätsreformen wirkungslos bleiben.

 

Graf: Die Theologie kann nicht darüber entscheiden, wie sich das Christentum in einer Gesellschaft entwickelt. Sie kann Entwicklungen beobachten und Begriffe zur Verfügung stellen, mit denen sich diese Entwicklungen beschreiben lassen. Es ist ohnehin außerordentlich schwierig, den religiösen oder säkularen Zustand einer Gesellschaft angemessen zu charakterisieren. Wir haben es mit sehr vieldeutigen und oft widersprüchlichen Phänomenen zu tun. Deshalb verwende ich den Begriff der säkularen Gesellschaft nur ungern. Schließlich gibt es auch in hochmodernen Gesellschaften eine Fülle religiöser Milieus, Bewegungen und Überzeugungen. Das gehört zur Realität pluralistischer Gesellschaften. Die Theologie kann versuchen, in einzelnen ihrer Gestalten öffentlich wirksam zu werden. Das geschieht dort, wo sich Theologinnen und Theologen mit reflektierten Beiträgen an politischen Kontroversen, ethischen Debatten oder religionspolitischen Diskussionen beteiligen. Das kann man aber nicht vom Fach als Ganzem erwarten, sondern nur von einzelnen Vertreterinnen und Vertretern. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist es völlig legitim, wenn sich manche Wissenschaftler auf ihre Rolle als Professoren beschränken und gerade nicht als öffentliche Intellektuelle auftreten wollen. Jürgen Habermas hat diese Rollen beispielsweise sehr bewusst getrennt. Für seine politischen Schriften hatte er eigene Lektoren, während seine wissenschaftlichen Arbeiten in einem anderen Bereich des Verlags betreut wurden. Öffentlicher Intellektueller kann man letztlich nur sein, wenn man zuvor im Fach selbst ein gewisses Renommee erworben hat. Sonst heißt es schnell: Der gibt ja nur Interviews.

 

Tück: Herr Danz hat vorhin darauf hingewiesen, dass die Situation in der katholischen Theologie etwas anders gelagert ist. Dem würde ich zustimmen. Im 19. Jahrhundert wurden viele Rezeptionsprozesse kirchlicherseits gebremst. Das gilt etwa für die Auseinandersetzung mit Kant oder dem Deutschen Idealismus. Stattdessen wurde über lange Zeit eine neuscholastisch geprägte Form des Thomismus privilegiert. Erst das Zweite Vatikanische Konzil ermöglichte – sehr grob gesprochen – eine nachhaltige Öffnung gegenüber den sich ständig wandelnden Diskursen der Moderne. Friedrich Wilhelm Graf hat einmal pointiert von einer „nachholenden Selbstmodernisierung des Katholizismus“ gesprochen. Unmittelbar nach dem Konzil gab es zunächst noch vergleichsweise homogene theologische Ansätze, die heilsgeschichtlich und hermeneutisch orientiert waren. Bis in die 1980er-Jahre hinein bildete das gewissermaßen einen Grundkonsens innerhalb der katholischen Theologie. Danach setzte jene Ausdifferenzierung ein, die wir heute beobachten. Die einen rezipierten postmoderne Philosophen, andere arbeiteten stärker mit Soziologen wie Pierre Bourdieu oder mit Habermas. Dadurch entstand eine große Vielfalt theologischer Zugänge. Die Frage nach einer gemeinsamen Mitte der systematischen Theologie stellt sich deshalb heute neu. Das ist eine der zentralen Herausforderungen, über die gegenwärtig diskutiert wird.

 

"Kirchenpolitische Klugheit bedeutet auch, darüber nachzudenken, welche Standorte künftig in ihrer bisherigen Form bestehen können und welche Veränderungen sinnvoll wären"

 

Sie haben in Ihrem Vortrag die Frage aufgeworfen, ob nicht eine stärkere Konzentration theologischer Standorte sinnvoll wäre. Wie realistisch ist ein solcher Vorschlag? Schon die Zusammenlegung von Priesterseminaren oder Ausbildungsstätten hat in der katholischen Kirche erhebliche Konflikte ausgelöst. Wenn nun sogar ganze Fakultäten zur Disposition gestellt werden, ist eine solche Debatte nicht bereits im Ansatz zum Scheitern verurteilt?

 

Graf: Ich habe auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die sich aus dem sogenannten doppelten Föderalismus in der Bundesrepublik ergeben. Natürlich möchte jeder katholische Bischof seine eigene katholisch-theologische Fakultät erhalten. Das ist verständlich. Gleichzeitig muss man aber die Frage stellen, ob diese Struktur auf Dauer tragfähig bleibt. Kirchenpolitische Klugheit bedeutet auch, darüber nachzudenken, welche Standorte künftig in ihrer bisherigen Form bestehen können und welche Veränderungen sinnvoll wären. Dabei geht es nicht in erster Linie um Stellenabbau, sondern um die Möglichkeit, Ressourcen anders einzusetzen und neue Themenfelder zu erschließen. Man muss fragen dürfen, ob es beispielsweise wirklich notwendig ist, an der Universität Augsburg eine voll ausgebaute katholisch-theologische Fakultät vorzuhalten, wenn sich in München, nur eine gute Dreiviertelstunde entfernt, bereits ein großer theologischer Standort befindet. Ähnliche Fragen stellen sich in anderen Regionen. Man hat Fakultäten in Passau, Regensburg, Würzburg und weiteren Städten. Es ist legitim, darüber nachzudenken, wie diese Landschaft künftig aussehen soll.

 

Tück: In Passau ist dieser Prozess ja bereits teilweise vollzogen worden.

 

Graf: Genau. Dort hat man die Strukturen schrittweise zurückgeführt und stärker auf die Lehrerausbildung konzentriert. Das halte ich für einen klugen Weg. Mir erschließt sich nicht ohne Weiteres, warum man ähnliche Überlegungen nicht auch an anderen Standorten anstellen sollte, wenn dadurch starke Fakultäten gestärkt werden können. Mein Interesse besteht darin, attraktive Forschungs- und Lehrorte zu schaffen. Derzeit erleben wir jedoch häufig einen anderen Prozess: Hier wird eine Stelle gestrichen, dort eine weitere. Das geschieht oft wenig koordiniert und ohne übergreifende Strategie. Was ich mir wünschen würde, ist ein stärkeres Gespräch der theologischen Fakultäten untereinander. Sie sollten gemeinsam überlegen, welche Veränderungen sie selbst den Kirchen empfehlen würden. Noch glaube ich, dass zumindest manche Kirchenleitungen solchen Vorschlägen aufmerksam zuhören würden. Denn die Entwicklungen bleiben selbstverständlich auch den Ministerien nicht verborgen. Dort herrscht häufig Ratlosigkeit darüber, wie die tiefgreifenden Veränderungen im religiösen Feld einzuordnen sind. Der Freistaat Bayern etwa ist sicherlich nicht kirchenfeindlich. Das kann man ernsthaft nicht behaupten. Dennoch sieht man auch dort, dass es der katholisch-theologischen Fakultät in München personell zwar sehr gut geht und dass sie attraktive Berufungen realisieren konnte. Gleichzeitig sind die Studierendenzahlen jedoch ausgesprochen niedrig. Diese Diskrepanz wird man auf Dauer nicht ignorieren können.

 

Ein umfassendes Reformprogramm für die theologischen Fakultäten also. Vielen Dank für dieses Gespräch und für die konzentrierte Diskussion der in Ihrem Vortrag aufgeworfenen Fragen. Wenn Ihnen dieser Podcast gefallen hat, empfehlen Sie ihn gerne weiter und besuchen Sie uns auf diesseits.theopodcast.at. Dort finden Sie auch die inzwischen fast 100 weiteren Folgen zum Nachhören und Nachlesen.

 

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