Was feiern Juden zu Jom Kippur (und was hat das mit dem Christentum zu tun)?

Foto: Mark Neyman / Government Press Office of Israel, CC BY-SA 3.0
Podcast vom 19. September 2026 | Transkript gekürzt | Gestaltung: Henning Klingen*
Haben Sie schon mal ins Horn eines Widders geblasen? Es klingt ein wenig wie ein akustisches Warnsignal, eine Sirene, ein langgezogener, durchdringender Ton. Tatsächlich ist dieses Instrument, Schofar genannt, biblisch fest verankert. Und es wird bis heute zweimal im Jahr geblasen: einmal zum jüdischen Neujahrsfest, Rosch ha-Schana, und einmal zum Fest Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, das heuer am Sonntag, dem 20. September, beginnt.
Mein Name ist Henning Klingen, und heute setzen wir unsere Reihe zum jüdischen Leben in Österreich und zum jüdisch-christlichen Dialog fort. Eine Reihe, konzipiert gemeinsam mit dem Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen feiert.
Was also hat es auf sich mit diesem Schofar und mit Jom Kippur? Das möchte ich heute besprechen, und zwar mit Jehoschua Ahrens. Er ist Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg, Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde in Bern und seit diesem Jahr Professor für Abrahamitische Religionen an der Universität Trier. Dann grüße ich Yuval Katz-Wilfing. Er ist jüdischer Religionswissenschaftler und Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses. Und schließlich den katholischen Wiener Theologen Gunter Prüller-Jagenteufel.
Vielleicht beginnen wir mit den beiden jüdischen Gesprächspartnern in dieser Runde. Wie wird das Fest Jom Kippur eigentlich ganz praktisch gefeiert – in der Familie, in der Gemeinde? Was muss man dazu wissen?
Ahrens: Jom Kippur ist tatsächlich ganz anders als die sonstigen jüdischen Feiertage, weil wir normalerweise eigentlich zu jedem Feiertag auch ein symbolisches Essen haben. Es gibt den berühmten Witz: Ein jüdischer Schüler soll im Religionsunterricht die verschiedenen jüdischen Feiertage zusammenfassen, und er sagt: „Sie wollten uns umbringen, wir haben es überlebt, lasst uns essen gehen.“ Das ist eigentlich die Quintessenz der jüdischen Feiertage. Jom Kippur ist der einzige Feiertag nach der Tora, also aus den fünf Büchern Mose, an dem wir tatsächlich dazu angehalten sind zu fasten. Und das Fasten – wenn wir es dann schon einmal machen; wie gesagt, normalerweise ist es eher nicht so der jüdische Weg – dauert 25 Stunden. Fasten bedeutet nicht nur, nichts zu essen und nichts zu trinken, sondern es gibt verschiedene weitere Regeln, zum Beispiel keinen ehelichen Verkehr, keine Lederschuhe, keinen Ledergürtel, nicht duschen und sich nicht waschen, nicht schminken oder eincremen et cetera. Tatsächlich ist es der höchste Feiertag, ausgerechnet derjenige, der vielleicht etwas anders ist als die anderen Feiertage. Er ist auch Teil einer Reihe von Feiertagen, den Hohen Feiertagen oder Jamim Noraim. Man könnte das vielleicht mit "ehrfurchtgebietende Tage" übersetzen. Das beginnt eigentlich mit Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahr, das Sie schon erwähnt hatten, dann Schabbat Schuwa und den zehn Tagen der Umkehr, der Teschuwa, dazwischen. Das heißt: zehn Tage, an denen wir umkehren, Buße tun und reflektieren sollen. Der Höhepunkt ist dann Jom Kippur, zehn Tage nach Rosch ha-Schana, nach dem Neujahrsfest. Schon im Monat Elul soll man innehalten, das vergangene Jahr reflektieren und sich Vorsätze für das neue Jahr machen. Wir sind vor allem in der Synagoge. Es ist tatsächlich ein sehr gemeinschaftliches Fest. Von diesen 25 Stunden ist man – außer in der Nacht, in der man schläft; bei uns beginnt der Feiertag ja immer am Vorabend und geht bis zum nächsten Abend – fast ununterbrochen in der Synagoge und betet, vielleicht mit einer kurzen Pause von zwei oder drei Stunden, je nachdem. Im Zentrum stehen Sündenbekenntnisse, zum Beispiel das Widui-Gebet. Der Sinn dieser 25 Stunden besteht wirklich darin, sich auf die eigenen Taten und Handlungen zu konzentrieren, selbstkritisch zu sein, die Sünden zu bekennen und dann durch dieses Sündenbekenntnis von der Sünde, von den falschen Taten, die man begangen hat, abzulassen und sozusagen neu ins neue Jahr zu starten. Das ist in Kürze vielleicht der Sinn.

Jehoshua Ahrens
Was können Sie, Hr. Katz, als Religionswissenschaftler noch ergänzen?
Katz-Wilfing: Ja, ich bin in Israel aufgewachsen, und dort sieht das natürlich anders aus als in Wien, wo ich jetzt bin. An diesem Tag ist alles ruhig, niemand fährt auf der Straße, auch die Säkularen nicht. Am Abend vorher sind viele weiß gekleidet, gehen in die Synagoge, und nachher sind die Straßen wirklich voll mit Menschen. Man trifft Menschen wieder, die man seit zehn, zwanzig oder dreißig Jahren nicht gesehen hat. Kein Fernsehen, kein Radio – alles bekommt eine ganz andere Dimension. Hier ist das anders: Für uns ist Jom Kippur, aber da draußen ist einfach ein Mittwoch. Aber wenn man auf die Straße hinausgeht, ist man mitten in einem anderen Leben. Alles funktioniert, die Geschäfte sind vielleicht offen, und es gibt diese Diskrepanz in der Diaspora zwischen dem inneren, spirituellen Leben und dem, was draußen auf der Straße passiert. In Israel ist das viel besser synchronisiert: das, was man drinnen erlebt, und das, was auf der Straße passiert.
Herr Prüller-Jagenteufel, wir haben schon gehört: Fasten gehört zu Jom Kippur dazu, und Versöhnung, Vergebung und Reue – das sind ja Dinge, die wir auch im Christentum kennen. Im Christentum gibt es das Sakrament der Beichte. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf? Wo sehen Sie Anschlussmöglichkeiten, wo gibt es Ähnlichkeiten und wo Unterschiede?
Prüller-Jagenteufel: Die Unterschiede sehe ich in der historischen Entwicklung, darin, wie sich das Christentum nach und nach in den letzten 2.000 Jahren entwickelt hat. Ich denke an die beiden großen Bußzeiten, die Christen im Jahr haben: die Wochen vor dem Weihnachtsfest und die 40 Tage vor dem Osterfest – vor Pessach, mehr oder weniger –, in denen genau diese Dynamik ebenfalls durchgespielt wird. In den Gottesdiensten ist das Thema Umkehr und Buße, sich für die Begegnung mit Gott in beiden Festen bereit zu machen. Und ich denke, was wir sehr stark vom Judentum mitgenommen haben, ist, dass unsere Gottesbeziehung von der Beziehung zu den anderen Menschen nicht zu trennen ist. Wer Gott begegnen will, muss auch vorher versuchen, alles an Schuld, was zwischenmenschlich geschehen ist, nicht nur hinter sich zu lassen, sondern womöglich auch wiedergutzumachen. Wer die Vergebung Gottes gewinnen will, muss die Versöhnung zwischen den Menschen ebenfalls realisieren. Die Beichte ist relativ jung, weil sie erst im zweiten Jahrtausend aufkommt. Die ursprünglichen Bußzeiten der Christen waren genauso wie im Judentum gottesdienstlich verankert. Und die Bußzeit war selbstverständlich eine kollektive Bußzeit. In den 40 Tagen vor Ostern wurde liturgisch die Wiedereingliederung der Sünder in die Gemeinde Schritt für Schritt vollzogen, begleitet vom Fasten und Beten der ganzen Gemeinde. Ich sehe also, dass unser christliches Schuldverständnis stark gemeinschaftsbezogen ist. Verfehle ich mich schuldhaft an meinen Mitmenschen, dann betrifft das Gott. Und deswegen ist Versöhnung, der Weg der Versöhnung, immer einer, der sowohl zwischenmenschlich als auch spirituell zu gehen ist.
Ist damit ein Unterschied bezeichnet? Gilt die Versöhnung an Jom Kippur zunächst den zwischenmenschlichen Beziehungen, oder geht es zugleich darum, dass man sich damit auch im Blick auf Gott versündigt hat?
Katz-Wilfing: Jom Kippur betrifft vor allem die Beziehung zwischen Mensch und Gott, aber der zwischenmenschliche Aspekt ist ebenfalls wichtig. Ich muss zu den Menschen gehen und um Entschuldigung bitten und mich wirklich um Versöhnung bemühen. Diese Bemühungen soll man vor Jom Kippur unternehmen, weil Jom Kippur selbst stärker auf die Beziehung zu Gott fokussiert ist.

Yuval Katz-Wilfing
Nun steht das Christentum zumindest in seinen etablierten, klassisch-konfessionellen Formen gerade in Europa ziemlich unter Druck. Es gibt einen starken Traditionsabbruch. Viele, gerade junge Menschen, wissen überhaupt nicht mehr um christliche Feiertraditionen. Wie ist das denn im Judentum? Ist Jom Kippur auch für säkular eingestellte Menschen trotzdem noch so etwas wie Weihnachten – man glaubt zwar nicht daran, feiert es aber dennoch?
Ahrens: Ja, ich würde sagen, das ist ganz ähnlich. Es gibt bei uns auch die sogenannten "Drei-Tages-Juden". Das heißt, sie kommen zu Pessach, zu Rosch ha-Schana und zu Jom Kippur in die Synagoge. Die Hohen Feiertage sind sicherlich immer noch die Feiertage, an denen die Synagogen am vollsten sind. Und wie auch Herr Katz geschildert hat: In Israel halten selbst säkulare Juden Jom Kippur auf irgendeine Weise ein. Aber es ist trotzdem noch ein Tag, der eine große Wirkung hat. Die Frage ist natürlich: Schaffen wir es immer noch, die Konzepte zu verstehen und zu verinnerlichen? Generell ist es wahrscheinlich so: In dem Moment, in dem religiöse Bildung schlechter wird und wir weniger über die eigene Religion wissen, können wir die eigene Religion auch immer weniger tatsächlich anwenden. Umso schwerer wird es vielleicht auch, die Bedeutung der Gebete, die wir sprechen, wirklich zu verstehen, sie zu verinnerlichen und dann wieder in Handlungen umzusetzen. Wenn ich noch etwas hinzufügen darf: Was Jom Kippur im Spiegel des Christentums angeht, zeigt sich noch eine andere Geschichte, nämlich das Vergessen des Ursprungs, wo es eigentlich herkommt. Im Neuen Testament haben wir sehr viele Bezüge zu jüdischen Traditionen und deshalb natürlich auch zu Jom Kippur. Man sieht sehr schön, wie Jom Kippur beziehungsweise die Konzepte von Jom Kippur – Reue, Sühne und Sündenvergebung – eine riesige Rolle im Christentum spielen. Der ganze Ritus von Jom Kippur, wie er im Tempel begangen wurde, ist sicherlich auch im Hebräerbrief ein Thema, aber ebenso im Kontext von Ostern, auch wenn Ostern natürlich eher auf Pessach fußt. Jeder kennt natürlich den Ausdruck: Er ist der Sündenbock. Und der Sündenbock ist genau das, was vom Ritus im Tempel populär geblieben ist.

Gunter Prüller-Jagenteufel
Damit haben Sie eine Brücke zu Herrn Prüller-Jagenteufel gebaut. Wie erleben Sie das an der Universität? Gibt es bei Studierenden ein Bewusstsein für die jüdischen Traditionen, auf denen das Christentum aufbaut?
Prüller-Jagenteufel: Wenn jemand Theologie studiert, kennt er zumindest ein wenig die christliche Tradition – nicht mehr so profund, wie das früher der Fall war, aber doch. Die Verbindung mit den Juden, also zwischen Christentum und Judentum, muss man tatsächlich vertiefen. Die jüdische Geschichte im Hintergrund kennt man schon, aber was sie bedeutet, wird dann im Dialog in den biblischen Vorlesungen und Seminaren sehr genau behandelt. Ich kann nur für Wien sprechen: Unser Professor für Neues Testament beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Beziehung von Judentum und frühem Christentum. Das rabbinische Judentum wurde allerdings tatsächlich stiefmütterlich behandelt, weil diese theologische Idee, das Christentum hätte das Judentum abgelöst, von der man sich erst im Zweiten Vatikanischen Konzil, also vor etwas mehr als 60 Jahren, verabschiedet hat, über Jahrhunderte hinweg auch unsere Beziehungen vergiftet hat. Gott sei Dank ist im Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der 1960er-Jahre ein Umschwung gelungen, den man aber vermutlich noch 100 Jahre lang einüben muss, damit das auch im Bewusstsein der Menschen ankommt.
Inwiefern hat Jom Kippur auch eine gesellschaftliche oder politische Dimension? Und verändert der Krieg seit dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023, wie ein Versöhnungstag erlebt wird?
Ahrens: Rein theologisch betrachtet geht es an den Hohen Feiertagen – und wenn man vielleicht Sukkot noch dazunimmt – nicht nur um das jüdische Volk. Es geht automatisch immer auch um die Erschaffung der ganzen Welt. Das heißt, wir denken an alle Menschen und beten auch für alle Menschen, nicht nur für Juden. Und das reicht letztlich bis Sukkot, bei dem es eine Tradition gab, 70 Stiere zu opfern, symbolisch für die 70 Völker der Welt. Man sieht dieses Zusammenspiel von Partikularismus und Universalismus sehr klar an den Hohen Feiertagen. Tatsächlich ist das Judentum beides: partikular und universal. Und in diesem Sinne würde ich schon sagen, dass mindestens ein gesellschaftspolitischer Aspekt immer mit dabei ist – auch an Jom Kippur und bei den Hohen Feiertagen insgesamt.
Herr Prüller-Jagenteufel, vielleicht zum Schluss eine etwas ungewöhnliche Frage: Was haben Sie aus unserem Gespräch mit den beiden Gesprächspartnern jüdischen Glaubens mitgenommen und als katholischer Theologe gelernt?
Prüller-Jagenteufel: Was mir wichtig war, ist noch einmal zu hören, dass es im Judentum diese universale Perspektive gibt. Denn im Christentum gibt es sehr stark das Vorurteil: Das Judentum bezieht sich auf dieses Volk, das Gottes eigenes Volk ist, das Gott gewissermaßen nicht nur geschaffen, sondern ganz besonders adoptiert hat, im Unterschied zu allen anderen. Wenn wir Judentum und Christentum wesentlich voneinander unterscheiden wollen, gibt es dieses christliche Narrativ: Das Christentum ist universal und das Judentum ist partikular. Ich habe das schon gelesen, aber vielleicht nicht so präsent gehabt, dass das Judentum in seiner Gottesbeziehung zum Schöpfer der ganzen Welt ebenfalls diesen Impetus hat. Anders als das Christentum missioniert das Judentum nicht. Und ich denke, wenn wir das lernen, kann auch leichter Versöhnung zwischen den Religionen geschehen.
Versöhnung zwischen den Religionen: Dazu ist unter anderem der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit vor 70 Jahren angetreten. Welche Höhepunkte sind in diesem Jubiläumsjahr noch zu erwarten? Wo kann man diesen Dialog und dieses Aufeinanderhören erleben?
Katz-Wilfing: Unser Motto für dieses Jahr lautet "Hören, Erinnern und Tun", und wir versuchen, das auf verschiedenen Wegen umzusetzen. Im nächsten Monat erscheint eine Sonderausgabe unserer Zeitschrift DIALOG – Du Siach. Am 17. Oktober gibt es eine besondere Feier im Wiener Rathaus. Außerdem haben wir den Tag des Judentums im Januar.
Vielen Dank Ihnen dreien für das Gespräch. Und auch die herzliche Einladung, unter www.christenundjuden.org nachzuschauen, wo und wie das 70-Jahr-Jubiläum gefeiert wird. Vielen Dank noch einmal fürs Zuhören. Und wenn Ihnen der Podcast gefallen hat, empfehlen Sie ihn gerne weiter oder schauen Sie auf diesseits.theopodcast.at vorbei. Dort finden Sie auch fast 100 weitere Folgen zum Nachhören und Abonnieren.
